Hack the Bachelor… oder wie eine Elfe auf rohen Eiern

Cover Bestnote für Presse und Web Kopie

Analoge Disruption

Als ich im August 2013 meine erste Prüfung im Studium Politikwissenschaft, Verwaltungswissenschaft und Soziologie ablegte, da fühlte ich mich schon recht durchgeschüttelt. Mit 41 Jahren stand ich ja schon mitten im Leben, blickte auf eine lange und recht anspruchsvolle Karriere in einem großen Buchhandelsunternehmen zurück und es gab herzlich wenig, was mich bis dato organisatorisch aus der Ruhe hätte bringen können. Im ersten Semester des Bachelor Studiums ging dann allerdings alles sehr schnell – schnell ist ein Adjektiv, das den Bachelor generell bis zum Ende sehr gut beschreiben sollte. Und eh ich mich versah, ich hatte nicht einmal alle Unterlagen gelesen, geschweige denn einmal links und rechts geschaut, da fand ich mich schon in den Tiefen eines wissenschaftlichen Hausarbeits-Textes wieder. In Englisch. Good Morning! 

Den sehr interessanten Aufsatz „Rethinking Conditionality: Turkey`s European Union Accession and the Kurdisch Question“ von Firat Cengiz und Lars Hoffmann bearbeitete und analysierte ich durchaus mit einiger Mühe im gestreckten Spagat, denn im Anschluss musste auch noch ein eigenes Thema ausgewählt und eine Hausarbeit geschrieben werden.

Der Titel meiner kleinen Premieren-Hausarbeit war „Auswirkungen der EU Osterweiterung auf die Roma-Minderheitenpolitik der Europäischen Union“. Ein spannendes Thema. Aber die Zeit ließ keine Spannung zu – höchstens Anspannung. Für jemanden wie mich, der zwar eine Buchhandels-Ausbildung, jede Menge Seminare, Coachings oder Assessment Center absolviert hat, aber keinerlei Erfahrungen mit einem Studium hatte (und die Schulzeit lag nun mal zwanzig Jahre hinter mir),  war diese wissenschaftliche Bearbeitung im Schnelldurchlauf schon eine ordentliche Erschütterung. Eine analoge Disruption sozusagen.

Glücklicherweise hatte ich aber gar keine Zeit zu jammern. Mein altes Leben hatte ich weggekickt, wenn auch mit etwas Wehmut, aber vor allem mit ganz viel Bock auf  Neues. Die „Echokammer Buchhandel“ ist sicherlich die geilste, die ich kenne und bis heute denke ich, es ist wirklich eine Branche, in der mit der größten Leidenschaft und Power gearbeitet wird. Aber wie so oft im Leben, wenn du für etwas mit Haut und Haaren brennst, merkst du erst zu spät, dass das Feuer längst erloschen ist. Und wenn die beschrittenen Wege immer gleich bleiben, lediglich hin und wieder umbenannt werden, dann fühlst du dich nicht nur wie ein Hamster, dann bist du auch irgendwann der Hamster – ein gut verdienender und abgesicherter zwar, aber ein Hamster.

Ada Lovelace mit Taschenrechner

Witzigerweise hatte ich in meinem früheren Job immer Angst vor Verlust. Das zu verlieren, was ich hatte. Und je mehr ich hatte, desto größer wurde dieses belastende Sicherheitsdenken. Aus heutiger Sicht völlig absurd. Nach meiner persönlichen Disruption hat sich das komplett verändert.  Jetzt wo ich selbstständig arbeite und mein Studium ohne Garantien oder doppelten Boden absolviere, mich jederzeit am Abgrund befinden kann, habe ich dieses Gefühl überhaupt nicht mehr. Vielleicht ist es eine Art Selbstschutz, aber dann ist es ein verdammt guter und lebenswerter Mechanismus. Und  die beste Voraussetzung agil zu bleiben und immer wieder nachzujustieren – wie ich mittlerweile gelernt habe – die allerbeste Lebensversicherung, die es gibt.

Die erste Note meines Studiums, mit der ich die allerersten 15 ECTS Punkte einsammeln konnte,  war „Gut“. Ich war also mit einem blauen Auge davon gekommen. Darauf folgten noch zehn weitere Prüfungen, teilweise unter Schmerzen und akutem Schlafmangel. Denn wer schläft, hat im Bachelor verloren. Wer zuckt, der sowieso.

Für die wirklich anspruchsvolle Verwaltungs-Prüfung (und definitiv nicht mein Lieblingsthema) habe ich soviel gelernt, dass ich bei der Klausur im luftleeren Hörsaal vor der letzten Fragen einfach nur noch müde zusammensackte. Nichts ging mehr. Ich hatte alle vorherigen Fragen korrekt beantwortet, wie sich nachher herausstellte, volle Punktzahl. Leider fehlte aus beschriebenen Gründen die letzte Antwort – no points for anybody. Ich bekam ein „Gut“.

Mein größter Erfolg allerdings war unangefochten dieser: die STATISTIK Prüfung. Als das Semester mit dem wohlklingenden Titel „Quantitative Methoden der Sozialwissenschaften“ begann, war ich noch guter Dinge. Kurz darauf allerdings war ich mir sicher, an dieser Stelle wird mein Studium, meine grandiose akademische Laufbahn, definitiv enden. Ich war nicht einmal fähig die Skripte zu lesen, so wenig konnte ich mit den dortigen Zeichen, Bildchen und Formelchen anfangen. Nachdem ich die Reader einige Wochen ignoriert hatte und mein Lebenstraum schon in sich zusammenzusacken drohte, kam meine versteckte Ada Lovelace Seite glücklicherweise doch noch zum Vorschein. Ich kaufte erst einmal einen Taschenrechner, der diese mir selbst noch fremden Zeichen kannte und sogar ganz lange Zahlenkolonnen hinter dem Komma ausspucken konnte. Mission Impossible hatte begonnen und mein privater Coach, mit dem ich bis dahin schon einiges im Leben gemeinsam meistern konnte, brachte mich dank früherer Mathematik-Semester durch dieses statistische Neuland. In den folgenden Monaten wurde in jeder freien Minute gepaukt und gerechnet. Es gab Tränen und Gelächter. Manchmal beides gleichzeitig. Der Kaffeekonsum stieg rapide. Ich saß schon sonntags um sieben am Küchentisch und beschäftigte mich mit Modus, Median & Co. Erstellte Indifferenztabellen und berechnete Chi-Quadrat oder Cramer´s V. Oder den Korrelationskoeffizient nach Bravais-Pearson. Egal wie sie alle hießen, alles wurde nacheinander weggewippt. Nach jeder erfolgreichen Aufgabe schaute meine Frau mich so stolz an, als wäre ich ein Kind, das gerade seine ersten Schritte macht. Und wow! Ich fühlte mich auch so.

Wer einmal einen schönen Selbsterfahrungstrip machen möchte oder einen radikalen Perspektivwechsel im Leben benötigt, der braucht gar keine überteuerten Seminare zu besuchen oder drei Wochen ohne Internet einsam auf einer Alm verbringen. Einfach einen Statistik-Kurs buchen. Bäm!  Ich sammelte meine erforderlichen 15 ECTS Pünktchen ein und bekam die Note „Gut“. Für mich persönlich ist dieser Erfolg eine der wichtigsten Erfahrungen in meinem bisherigen Leben. Geht nicht? Gibt´s nicht mehr.     

Bestnote rocks

Nach diesen teilweise recht zermürbenden Pflicht-Modulen (von der reinen Multiple-Choice-Klausur möchte ich gar nicht erst anfangen) folgte dann im zweiten Teil des Studiums die Kür. Endlich beschäftigte ich mich mit soziologischen Theorien, soziologischen Forschungen, Gesellschaft im Wandel und Politikfeldanalyse. Ich schrieb mich in Hausarbeiten um Kopf und Kragen zu aktuellen Themen wie der Integrationspolitik oder zu zeitdiagnostischen Ansätzen von Zygmunt Bauman und Ulrich Bröckling. Oder analysierte das Zusammenspiel von formalen und informalen Strukturen in Organisationen durch die Brille von Niklas Luhmann und Max Weber in mündlichen Prüfungen. Während der Kür wandelten sich die Noten von „Gut“ in „Sehr gut“. Das letzte Semester schloss ich als Beste mit Bestnoten ab. Wenn ich das hier erwähne, soll das keine Arroganz zum Ausdruck bringen (hallo? Ich bin durch das Statistik Semester noch mit dem Dreirad auf Stützrädern gefahren…), sondern soll zeigen, dass es wirklich absolut nichts gibt, was man nicht schaffen kann. Außerdem ringt es mir selbst oftmals noch Erstaunen ab und dürfte auch einfach denjenigen Mut machen, die vielleicht mit „Ü40“ auch noch einmal etwas Neues wagen wollen oder müssen. Don´t panic! Weiterlesen „Hack the Bachelor… oder wie eine Elfe auf rohen Eiern“

Rule Britannia: Sklave der Demokratie?

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Quelle: The Economist

Am Tag nach dem Referendum der Briten zum Brexit gab es ein böses Erwachen – und zwar im wahrsten Wortsinn. Am Donnerstag Abend ging ich noch mit einem guten Gefühl schlafen – eine YouGov-Nachwahlbefragung sagte eine knappe Mehrheit für den EU-Verbleib hervor. 52 Prozent gegen und 48 Prozent für den Brexit. 

Nur sechs Stunden später hatte sich diese Prognose allerdings in ein genau umgedrehtes Wahlergebnis verwandelt, was der erste Blick auf das Smartphone zwar noch verschwommen, aber deutlich zeigte. Über Nacht ist Großbritannien aus der EU ausgetreten, demnach stimmten 51,9 Prozent für den Brexit und „nur“ 48,1 Prozent für den Verbleib in der EU.

Was war passiert?

Die Briten wollen die EU verlassen, sollen sie also gehen, so könnte ein kurzes Fazit aussehen, damit man mit der Abwicklung zügig beginnen kann. Allerdings: Nur die eine etwas gering größere Hälfte der Wähler will tatsächlich die Abspaltung, die etwas gering kleinere Hälfte der Wähler wäre lieber Teil der Europäischen Gemeinschaft geblieben. Und die Schotten (62 Prozent) und die Nordiren (55,8 Prozent) mehrheitlich noch viel lieberer.

Was war also tatsächlich passiert über Nacht? Die Demokratie in unserer Gesellschaft hat einen sehr faden Beigeschmack bekommen. Denn ist das wirklich Demokratie, wenn eine Mehrheit von nur einer Millionen Menschen über so gravierende Veränderungen für die Allgemeinheit bestimmt mit noch graviererenden Auswirkungen für die Zukunft des Einzelnen? Das gilt übrigens für den umgekehrten Fall genauso. In jedem Fall kann einem da Angst und Bange werden, auch für zukünftige Entscheidungen hier in unserem Land. 

46 Millionen Wahlberechtigte waren aufgerufen über Brexit or not abzustimmen. Bei einer Wahlbeteiligung von 72 Prozent haben 33 Millionen Briten dieses Wahlrecht wahrgenommen. Davon haben etwas mehr als 17 Millionen Wähler für den Brexit gestimmt und knapp 16 Millionen dagegen. Und unglaublichen 12.880.000 Briten war es egal, sie haben erst gar nicht gewählt. Das mag vielleicht demokratisch sein, aber ist das auch nur ansatzweise gerecht? Ein kleiner Teil bestimmt für alle, Alte verbauen die Zukunft der Jungen und Nichtwähler entscheiden für Wähler.

Direkte Demokratie ja – aber mit klarem Quorum

Meiner Meinung nach zeigt dieses Referendum zum Brexit eines deutlich: Eindeutige Quoren müssen her für Abstimmungen von solcher Tragweite – einfache Mehrheiten dürfen da einfach nicht ausreichen.

Denn ein Ergebnis, das aufgrund der Befragung der Bevölkerung eigentlich eine besonders hohe Legitimität haben sollte, verliert diese, wenn bei genauerer Betrachtung die Wünsche eines kleineren Teils der Bevölkerung so immense Auswirkungen auf alle hat. Gesellschaftliche Risse sind vorprogrammiert.

Vorstellbare Eckpunkte wären eine notwendige Zweidrittelmehrheit bei einer Wahlbeteiligung von 80 Prozent. Wird dies nicht erreicht, so ist das Referendum gescheitert.

Darüber sollten wir uns dringend Gedanken machen, bevor jetzt schon der ein oder andere Politiker seine Glückseligkeit in zukünftigen Referenden sieht und 51 Prozent der Deutschen beispielsweise dafür sorgen, dass wir in nationalstaatliche Kleingeistigkeit verfallen oder Ausländer, Andersgläubige und homosexuelle Menschen in diesem Land höchst demokratisch diskriminiert werden dürfen.

23 Millionen deutsche Wählerinnen und Wähler könnten über die europäische Zukunft von 64 Millionen deutschen Wahlberechtigten und 82 Millionen deutschen Menschen entscheiden. Das ist eher nicht die Stimme eines Volkes!

Rule Britania!
Britannia rule the waves.
Britains never, never, never shall be slaves?

Die FDP sollte jetzt ihre Chance nutzen

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Ein Wunder ist geschehen, die FDP dümpelt wieder bei 5 Prozent.

Die Freiheit des Einzelnen, Selbstbestimmung und Demokratie ist die Basis liberaler Politik.

Diese Grundsätze politischer Komposition würde ich sofort unterschreiben. Und dennoch habe ich noch nie in meinem Leben FDP gewählt. Warum eigentlich nicht?

Vielleicht gab es stets zu viele Zwischentöne, die diesen Dreiklang störten oder gar unglaubwürdig machten. Oder vielleicht hörte sich dieser Dreiklang zwar wunderschön an, übertönte aber, dass dieser nur für einen gewissen Teil der Menschen gelten sollte. Dies gipfelte dann irgendwann sogar in die „spätrömische Dekadenz“, manifestierte damit aber nur noch sprachlich, was sich hinter der musikalischen Variation schon längst verbarg: Freiheit und Selbstbestimmung gilt nur für die, die nicht am Existenzminimum nagen – ob aus eigenem Verschulden oder nicht. Egal.

Selbstbestimmung, Freiheit und Demokratie muss man sich leisten können. Das klingt gar nicht sehr harmonisch und hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Politik darf Verantwortung für Grundwerte, die an jedes Leben geknüpft sein sollten, nicht denen zuschieben, die diese aufgrund politisch geschaffener Strukturen gar nicht übernehmen können  oder gar keine Ressourcen und Gestaltungsspielräume haben.

Die meisten Menschen hier im Land arbeiten hart und viel, schaffen es aber kaum davon zu leben oder ein Vermögen anzusparen. Wieder andere verdienen zwar so gut, um sich ein sorgloses Leben zu gestalten, wissen aber, dass sich dies von jetzt auf gleich ändern kann. Und dann sind sie raus aus dem Spiel und schöne Musik hören sie dann eher nur noch aus der Ferne. Das ist ein Nährboden für Angst und Stillstand.

Da sich durch Digitalisierung und Globalisierung die Arbeit – besonders der Wert von Arbeit – extremst verändern wird, sind wohl langsam andere Lösungen zu suchen, als das Unternehmertum zu hofieren oder Hotelsteuern in die Welt zu pflanzen.

An den dicken Brettern bohren

Wirkliche Gestaltung und Visionen für eine sich wandelnde Gesellschaft sind gefragt. In einer Zeit, in der gerade alles zusammenzubrechen droht, sollte die FDP ihre Chance nutzen und an den wirklich dicken Brettern bohren. Angesichts der Flüchtlingskrise erwacht der braune Mob im Land, zündet Flüchtlingsheime an und offenbart Menschenverachtung in seiner schrecklichsten Art. „Besorgte Bürger“ laufen grölend durch deutsche Innenstädte und „besorgte Eier“ verpesten soziale Netzwerke mit ihrem geistigen Dünnschiss.

Politiker aus CSU und CDU verhindern strategische Debatten über Integration und Zukunftsplanung, indem sie aus machtpolitischem Interesse selbst unterirdische und rhetorisch fragwürdige Parolen propagieren. Und die SPD schafft es aufgrund ihrer Identitätsprobleme gerade noch irgendwie zu nicken, um dann aber gleich wieder zu behaupten, sie hätte gar nicht genickt. Langsam gönnt ihr selbst der letzte Fan ein längeres Nickerchen.

Will die FDP unter der Führung von Christian Lindner eine Partei bleiben, die an jedem Wahlabend bei 4,9 Prozent anfängt und bei 5,2 Prozent die Sektkorken knallen lässt? Eine Partei, die man nicht wegen ihres Programms wählt, sondern als Königsmacher für Koalitionen, wie es sich nun auch wieder in Baden-Württemberg abzeichnet? Bis der Wähler auch davon wieder genug hat, weil sie für irgendein Klientel Hotelgutscheine ordert, während die dicken Bretter darauf warten gebohrt und genagelt zu werden?

Das neue Farbgewand der Partei, das mich leider immer an die letzte Telefonrechnung oder das übelste Funkloch denken lässt, steht farbpsychologisch für Mitgefühl, Engagement, Ordnung und man höre und staune: Transformation. Dass unsere Gesellschaft große Veränderungsprozesse durchmacht (durchmachen muss), die bis jetzt wenig bis kaum gestaltet werden, steht außer Frage. Und dass dieses Vakuum zu einer Schwächung des Rechtsstaates und einer Ent-Demokratisierung führt, lässt sich in Teilen schon beobachten.

 FDP von A-Z    What?

Wenn ich das Parteiprogramm der FDP von A-Z lese, beziehungsweise bei ungefähr H einnicke (like SPD), glaube ich aktuell leider nicht daran, dass es hier Strategien gibt für eine Gestaltung der Zukunft. Hier werden Themen eher bürokratisch verwaltet, obwohl man selbst Bürokratieabbau fordert.

Eine FDP, die ich wählen möchte, würde in ihrem Programm sämtliche Strukturen auf den Kopf stellen. Sie würde das bedingungslose Grundeinkommen fordern, weil sie wüsste, dass dies nichts mit spätrömischer Dekadenz zu tun hat, sondern dazu beiträgt, Freiheit, Wirtschaft und Arbeit der Zukunft in einen Gleichklang zu bekommen.

„Mit Mini-Jobs, Zeitarbeit und Teilzeit sorgen wir für die nötige Flexibilität und schaffen einen Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt.“ stünde auf gar keinen Fall im Wahlprogramm. Sie würden eine Freiheit fordern für alle Menschen, die auf Verantwortung und Respekt basiert. Sie würde eine Wirtschaftspolitik betreiben, die langfristiges und gesundes Wachstum fördert, das aber letztlich dem Gesellschaftssytem zugute kommt und nicht  darauf ausgerichtet ist, die Wirtschaft als Selbstzweck zu etablieren.   

German FDP Mut“

Die FDP, die ich wählen würde, würde nicht wieder bei 5 Prozent rumdümpeln. Denn aufgrund ihres Gestaltungswillen hätten viel mehr Menschen den Wunsch, diese Partei zu wählen. Weil sie wüssten, dass die geforderte Freiheit nicht nur die Freiheit der anderen sein soll. Und bei Überschriften wie „Die FDP ist von den Toten auferstanden“ würde ich nicht gleich an „Untote“ denken, die nachts über Friedhöfe taumeln. Von mir aus – wenn es denn sein muss – an kravattenlose, dreitagebärtige Startuper, wenn sie denn Ideen hätten, die über hipp und cool hinausgehen. Der große Vorteil von Startups ist doch gerade, dass sie Phänomene und Problemstellungen revolutionär neu denken können. Sie wollen nicht einfach nur neue Dienste anbieten, sondern in diesem Bereich mit ihren Ideen alte Strukturen und Denkmuster aufbrechen und so zum Vorreiter für Neues werden. Ob das gelingt ist dann eine andere Frage.   

Es würde Mut erfordern von der FDP, aber es könnte sich lohnen. Und es würde zeigen, dass die FDP tatsächlich bereit ist Verantwortung für die Freiheit zu übernehmen – und nicht nur für ihre eigene. Ein Dreiklang aus Freiheit, Selbstbestimmung und Demokratie würde tatsächlich nach einer fairen und lohnenswerten Gesellschaft klingen.

In einer kontingenten Welt ist alles möglich. Sogar dass ich eines Tages Freie Demokraten wähle. Wenn die FDP ein echtes Zukunftsprogramm hätte, wäre es mir das sogar wert!

 

 

#25 Minuten: „Ich möchte nicht deine Erbin sein“

Gestern Abend habe ich nun endlich  das Spiegel-Streitgespräch „Ich möchte nicht deine Erbin sein“ (Blendle €) zwischen der Feministin Alice Schwarzer und der Feministin Anne Wizorek gelesen. Aber leider ist es nicht einmal das, denn es ist gerade einmal ein Streit ohne Gespräch.

Anlass für dieses „Gespräch“ waren die sexuellen Gewaltangriffe gegen Frauen in der Silvesternacht in Köln. (Ich habe dazu auch was auf HuffPost geschrieben: („Die Gewalt gegen Frauen in Köln wirft viele Fragen auf“). Mittlerweile liegen 766 Anzeigen bei der Polizei vor, darunter 381 Anzeigen zu Sexualdelikten und 385 Anzeigen, die Eigentums- oder Körperverletzungsdelikte betreffen. Bei den überwiegend ausländischen Tätern, oder korrekter, bei den Tatverdächtigen, handelt es sich unter anderem um Marokkaner, Algerier, Iraner und Syrer – überwiegend Asylbewerber.

Seitdem ist viel geredet, geschrieben und gefordert worden. Eine Kehrtwende in der Flüchtlingspolitik soll es geben, mehr Polizei, ja vielleicht sogar Bundeswehr im Inneren, schnellere Abschiebungen, mehr Überwachung, bessere Integration, neue Ausweise für Asylbewerber und eine Verschärfung des Sexualstrafrechts. Bei manchen Punkten wird mir ein wenig bange und beim Sexualstrafrecht frage ich mich natürlich, warum es solange in irgendwelchen Schubladen herumliegen musste. Klar ist aber auch, verhindert hätte vermutlich nichts von alledem die Übergriffe in diesem Ausmaß.

Was mich persönlich sehr geärgert hat (neben allen Vertuschungsversuchen und Ungereimtheiten) war zum einen die Instrumentalisierung der Ereignisse von allen Seiten und die Unehrlichkeit in den Debatten, bis hin zur Verweigerung der Betrachtung der Tatsachen. So legten Feministinnen besonderen Wert darauf, bloß nicht zu erwähnen, dass es sich um ausländische Täter handelt, und dass, obwohl ja gerade die Frauen – also die Opfer – berichtet haben, dass es sich um überwiegend ausländische Angreifer gehandelt habe. Damit wurde so getan, als wäre es schon rassistisch, diese Tatsache überhaupt zu erwähnen, was ich in keinster Weise nachvollziehen kann. Vielmehr ist dieses Verhalten unfair gegenüber den Opfern und auch sehr unfair gegenüber dem größten Teil der ausländischen Asylbewerber und Migranten, die hier im Einklang mit unserem Rechtsstaat und unseren Werten leben. Auch in deren Interesse wäre es doch, Gewalttaten anderer Ausländer aufzuklären, die unsere Gesetze und Werte nicht anerkennen wollen. Und dass damit verschleiert wird, dass Frauen in Deutschland durchaus auch von deutschen Männern Gewalt erfahren, und durch männliche Machtstrukturen erniedrigt werden, finde ich – mit Verlaub – ein wenig konstruiert. Die genauen Zahlen zur alltäglichen Gewalt gegen Frauen lassen sich in dieser EU-Erhebung nachlesen. Hier kann rein gar nichts beschönt werden und man sieht, hier geht es um weit mehr als um Gleichberechtigung und Gleichstellung. 

Um nun auf das Spiegel-Interview zurückzukommen. Es hat mich geärgert. Denn es hat genau das gezeigt, was sich in unserer heutigen Gesellschaft abspielt. Wir wollen nur unsere Standpunkte durchsetzen, es gibt keine Debatte, sondern nur noch binäre Vorstellungen von wahr/falsch, gut/schlecht, mein/dein, rassistisch/nicht rassistisch – kein dazwischen, keine Annäherung, oder auch Kompromisse für ein gemeinsames Ziel. 

„Es ist rassistisch, so zu tun, als seien nur Männer mit Migrationshintergrund Täter. (…) und es darf nicht zum Standard der Geschlechterdebatte werden, dass nur männliche Migranten als Verursacher gelten.“ sagt Anne Wizorek im Interview. Man darf aber auch keine  Tatsachen vehement verschweigen, damit verhindert man das Lösen von Problemen und spielt den wirklichen Rassisten erst recht in die Karten. Und unterstellt obendrein Menschen, die sich für eine freie und demokratische Gesellschaft einsetzen, dass sie Rassisten sind. Damit ist die Gesprächsgrundlage entzogen – es entsteht Streit ohne Gespräch. So kann weder eine Integrationsdebatte geführt werden noch eine offene Debatte über Gewalt gegen Frauen. 

Das Interview ist aus einem Grunde dann doch lesenswert, denn es zeigt, dass es scheinbar nicht einmal den einen kleinsten gemeinsamen Nenner unter Frauen gibt, nämlich gemeinsam für die Rechte von Frauen einzustehen. Von dem Versuch eines Verständnisses für andere Positionen mal ganz abgesehen. Schade. 

„Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.“ (Simone de Beauvoir)

 

Warten auf die „Heinzelmännchen von Berlin“

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Die „Heinzelmännchen von Köln“ sind der Sage nach kleine (nackte) Hausgeister, die nachts in die Kölner Häuser gekommen sind, um all die liegengebliebenen Arbeiten ihrer Bewohner zu verrichten. Berühmt wurde diese Sage durch die schöne Ballade von August Kopisch:

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Tolle Sache, da hatte man natürlich viel mehr Zeit für Kölsch & Klüngel. Und konnte sich darauf verlassen, dass alles am Ende doch noch in Ordnung kam. Öhnswih. Öhnswih – so muss die kölsche Lebensart entstanden sein.

Aber wenn Not am Mann ist – oder die Kacke am Dampfen –  dann stonn se in Kölle all parat. Auch ohne Heinzelmännchen. Und wenn es ganz schlimm kommt, sogar ohne Kölsch.

Viele Jahre habe ich selbst in Köln gelebt – als „Imi“ selbstverständlich. Vermutlich nur dort lassen sich harte Arbeit, Anstrengungen und die Leichtigkeit des Seins so wunderbar miteinander verbinden. Eine Mischung aus Dorf und Weltstadt. Eine Mischung aus Ordnung und „Fünfe gerade sein lassen“.

Ein Ereignis bleibt mir immer in Erinnerung – besonders seit ich in Berlin lebe – und ganz besonders durch die aktuellen Zustände in dieser Stadt. Als ich auf dem Kölner Bürgeramt einmal eine dringende Angelegenheit zu erledigen hatte, gab es theoretisch zwei Möglichkeiten:

a) es dauert lange und wird teuer

b) es wird teuer und es dauert lange

Die Verwaltungsangestellte hat sich aber für die Möglichkeit c) entschieden: mit einem kleinen Trick und der Biegung einiger Regeln kostete es nur eine kleine Verwaltungsgebühr und es dauerte nicht lange. „Wir sind ja auch nur Menschen“ entgegnete sie auf meinen Dankesschwall. Das Paket Kaffee, das sie nicht annehmen durfte, hab ich dann dort „vergessen“.  

Das große Schweigen

Solche Erlebnisse hatte ich bis jetzt in Berlin nicht einmal ansatzweise. Hier verzichten Verwaltungsmitarbeiter sogar auf schlichte Begrüßungsrituale wie „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“. Das möchte ich gar nicht anprangern, denn sie werden sicherlich ihre Gründe dafür haben. Wenn unten etwas nicht richtig funktioniert, dann darf man davon ausgehen, dass es hier größere Unstimmigkeiten in der Hierarchie gibt.

So war mein erster Eindruck der Berliner Verwaltung vor drei Jahren auch eher eine Katastrophe. Als ich einen Termin zum Ummelden hatte (Chacka!), schwiegen die Verwaltungsdame und ich uns lange in launiger Atmosphäre an, nachdem ich ihr meinen Ausweis und alle Unterlagen überreicht hatte. Irgendwann bekam ich dann meine Unterlagen zurück, samt Personalausweis mit frisch beklebter neuer Anschrift. Ein noch deutlicheres Schweigen signalisierte mir dann, dass ich nun in die neue Berliner Luft entlassen war.

Sicherlich hätte ich diese Geschichte schnell vergessen, wenn ich nicht abends mit Freunden zusammengesessen hätte und stolz meinen Personalausweis als Neu-Berlinerin gezeigt hätte. Schnell trübte sich die Stimmung, denn jemandem fiel auf, dass mein Ausweis in nicht einmal vier Wochen abläuft. Mir war das im Lebens-Umzugs-Stress gar nicht aufgefallen. Warum wurde ich darauf vormittags von der schweigsamen Verwaltungsdame nicht hingewiesen? Ich hätte gleich einen neuen Ausweis beantragen können – ein Passbildautomat war dort vorhanden. Jetzt bekäme ich vor Ablauf des Ausweises wohl nicht einmal mehr einen rechtzeitigen Termin. Ich war nicht nur sauer, sondern auch ein wenig fassungslos. Sicherlich gibt es keine festgeschriebene Regel, die „das Aufmerksam machen auf eine Ablauffrist“ festschreibt. Strenges formalistisches Handeln – Max Weber hätte seine helle Freude daran.

Karneval, Knöllchen & Kaffee

Formalität ist die eine Seite. Informalität allerdings die andere Seite, die das Funktionieren von Organisationen und Verwaltungen ausmacht. Ohne diese „kleinen Dienstwege“ und die Auslegung der ein oder anderen Regel funktionieren Verwaltungen nicht. Reine Formalität macht das System langsam und ineffizient. Und „öhnswih“ ja auch unmenschlich. Niklas Luhmann spricht bei „informalen Regeln“ von „brauchbarer Illegalität“, das beschreibt es eigentlich sehr gut.

Diese „brauchbare Illegalität“ scheint es in Berliner Verwaltungen allerdings nicht zu geben. Das Problem ist, dass man diese auch nicht einfach so vorschreiben kann, denn es sind ja eher persönliche, nicht festgeschriebene „Verwaltungsakte“, ansonsten wären sie ja formal.

Anschauen lässt sich dieses Verwaltungsdesaster leider momentan sehr praxisnah vor dem mittlerweile weltberühmten „Landesamt für Gesundheit und Soziales“ (kurz: Lageso) in Berlin-Moabit. Die Prozesse der Verwaltung waren vermutlich schon vorher sehr verlangsamt. Durch das starke Anwachsen der Flüchtlingszahlen wurde dies noch verschärft. Über Monate sind die Zustände dort untragbar, aber kein Entscheider im Verwaltungsapparat fühlt sich zuständig, diese zu ändern. Hier gibt es niemanden, der mal „Fünfe gerade sein lässt“ und dafür sorgt, dass Flüchtlinge nicht länger bei Wind und Wetter tagelang vor der Türe stehen müssen – ganz bestimmt gibt es keine Regel, die besagt, dass Flüchtlinge draußen nicht erfrieren sollen.

Was mich allerdings noch mehr verwundert ist, dass neben der informalen Seite, nicht einmal mehr die dritte wichtige Seite von Organisationen funktioniert: die Schauseite

Berlin ist die Hauptstadt eines reichen Landes. Eines Landes, das immer für seine Disziplin und Ordnung geschätzt wurde, bis das Sommermärchen diese ordentliche, aber so wenig charmante Charaktereigenschaft endlich ein wenig in den Hintergrund rücken konnte. Plötzlich waren wir nicht nur diszipliniert, sondern sogar ein bisschen sexy.

Berlin versagt, aber niemand ist in der Regierungsstadt gewillt, dieses erniedrigende Bild zu korrigieren. Wenn nicht für die Flüchtlinge, dann doch wenigstens für die Schauseite der Regierung, könnte man hoffen.

Warum ist Berlin so handlungsunfähig? Wartet man tatsächlich auf flinke Berliner Heinzelmännchen, die alle Probleme über Nacht „aufräumen“? Berlin ist ein Desaster, was Großprojekte und Herausforderungen angeht. Formal hat der Aufsichtsrat des Berliner Flughafens bestimmt auch alles richtig gemacht. De facto lässt sich sagen: „Alles Scheiße, Deine Elli!“       

Und auch hier scheint sich niemand so richtig dafür zu schämen. Oder die ProbIeme richtig – echt jetzt – lösen zu wollen. Ist halt so.

Auch Köln haftet sicherlich das Monstrum Wahldebakel und die Unfähigkeit richtige Stimmzettel zu drucken an der Backe. Allerdings funktionieren hier die drei Seiten der Organisation Schauseite, Formale & Informale Seite aka Karneval, Knöllchen & Kaffee sehr gut.

Gäbe es eine ähnliche schlimme Situation in Köln wie vor dem Lageso, man könnte darauf wetten, dass Politik und Bürger gemeinsam in kürzester Zeit auf vielen kleinen Dienstwegen einen Wartesaal samt Kölsch-Theke vor die Erstaufnahmestelle gezimmert hätten. Und die Kölner Band BAP hätte dazu ihren eiligst komponierten Song „Mir losse NIEMANDEN im Regen ston“ zum Besten gegeben. Und dann wären nachts obendrein noch die Heinzelmännchen dazu gekommen.

Hier in Berlin sehen allerdings wohl nicht einmal mehr Wichtel Licht am Ende des Tunnels.

 

Torten-Worte

In der aktuellen Flüchtlingspolitik fehlen mir langsam die Worte. Anstatt strategisch, langfristige Lösungen zu suchen und umzusetzen, wird lediglich auf eine kurzfristige Abschottungspolitik gesetzt. Dazu gehört leider auch eine kaum noch zu ertragende menschenverachtende Rhetorik – besonders in der CSU von Seehofer & friends.

Tatsächlich sieht es so aus, als könnte sich die kleine bayerische Volkspartei sogar mit ihrer Forderung nach Transitzonen durchsetzen. Hauptsache vor Krieg flüchtende Menschen betreten – zwar traumatisiert – aber „geordnet“ unser schönes Land. Oder – und das ist ja die große Hoffnung dahinter – auch nicht.

Es scheint, dass politische Machtspielchen endgültig die Oberhand über unser gesellschaftliches Zusammenleben gewonnen haben.

Hier meine Torten-Worte dazu!

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(In Anlehnung an die „Torten der Wahrheit“ in der „Zeit“ von @katjaberlin)

Talking about Karl Ove Knausgård und Tomas Espedal.

Klappentexterin und Herr Klappentexter

kt_mcp_smileKarl Ove Knausgård ist ja derzeit in aller Munde, denn soeben ist sein neuestes Buch »Träumen« erschienen. Es ist der fünfte Teil seines autobiographischen Romanprojekts, sechs sollen es insgesamt werden. Obendrein erhält der Autor am 6. Oktober den »WELT«-Literaturpreis. Während alle Knausgård-Fans nun in einer Art Fieberrausch sein ersehntes opulentes Werk lesen, schaue ich staunend zu. Ich muss gestehen, dass ich bislang noch gar nichts von dem Norweger gelesen habe. Dafür konnte mich Tomas Espedal kürzlich mit seinem Buch »Wider die Kunst« vollends begeistern. Den norwegischen Autor habe ich nicht von allein entdeckt. Empfohlen wurde er mir seinerzeit von meiner geschätzten Buchhändler-Kollegin Maria-Christina Piwowarski von ocelot, not just another bookstore. Sie ist überdies noch ein großer Knausgård-Fan. Welch wunderbarer Zufall! So wurde ich von meiner Neugier gepackt und habe die »ocelotin« zu beiden Autoren interviewt.

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Blendle. Supernett, oder?

Berlin, 16. September 2015

Gerade ist der Online-Kiosk Blendle in Deutschland gestartet. Auf diesem Portal lassen sich ab sofort (und eigentlich ja längst überfällig) einzelne Artikel aus über 100 Zeitungen und Zeitschriften erwerben, die Preise liegen zwischen 0,01 – 0,75 € – kostenlose Artikel werden nicht angeboten. Allerdings ist die Preispolitik auf den ersten Blick etwas undurchsichtig, daher werde ich darauf später noch einmal genauer eingehen. Im bis jetzt rein „klassischem“ Presse-Angebot sind unter anderem Frankfurter Allgemeine Zeitung, Tagesspiegel, Süddeutsche Zeitung, Wirtschaftswoche, Spiegel, Gala, Cicero, Kicker, 11 Freunde, NZZ oder New York Times oder der Economist zu finden.

Als Zeitungsleserin habe ich schon länger auf solch ein Angebot gewartet, denn nur noch eine bestimmte Zeitung im Abo zu haben, das entspricht überhaupt nicht mehr meinem Nutzungsverhalten. Ich möchte die Artikel und Themen quer durch die Presselandschaft lesen, die mich interessieren, ohne danach lange suchen zu müssen oder für einen ausgewählten Artikel soviel zu zahlen, wie für die komplette Zeitschrift oder Zeitung.   

Blendle-Test

Als erstes habe ich mir die Blendle-App für Android auf mein Samsung Galaxy Note heruntergeladen und große Überraschung: dafür schenkt mir Blendle gleich ein Guthaben von 2,50 €. Das finde ich eine „supernette“ Idee von Blendle, denn so kann ich gleich anfangen ein wenig zu testen, bevor ich mich um Zahlungsmethoden & Co kümmern muss. Dass ich dieses Guthaben gar nicht benötige, weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. 

Blendle

Los geht´s

Zunächst freunde ich mich ein wenig mit der Blendle-App an und wähle zum Start ein paar Themen. Das Design spricht mich auf den ersten Blick nicht so sehr an. Die Farbgestaltung finde ich mit orange-rot recht gewagt und erinnert mich immer etwas an Ramsch oder Sonderposten. Im Menü im oberen Bildrand befindet sich ein Herz, ein Lesezeichen und ein Karton. Zuerst dachte ich, ich könne über das Herz Artikel liken, aber dahinter verbergen sich „empfohlene Texte“ als Schnellwahl für die „Staff Picks“. Ich erkenne gleich ein paar mir bekannte Staffs wie Wolfgang Blau und Anke Domscheit-Berg, die meisten anderen Namen wie beispielsweise Tobias Widmann oder Manuela Winkler sind mir allerdings unbekannt. Eine „Mitarbeiter / Kuratoren“-Liste samt Vita kann ich auf Anhieb leider nicht entdecken. Auch nicht wer welche Themen kuratiert. Oder handelt es sich um „Super-Kuratoren“, die quer durch die Themen Artikel (nach welchen Kriterien?) empfehlen? 

Meinen ersten Artikel kaufe ich dann quasi „aus Versehen“, während ich herumscrolle und dabei auf den Bildschirm tippe.

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Okay, learning by doing, denn einen Kauf-Button hatte ich tatsächlich noch nicht entdeckt. Am Ende meines erklickten Artikels entdecke ich dann aber folgenden Hinweis:

War der Artikel nicht was du erwartet hast und möchtest du deine 0,45 € zurück? Klicke dann hier.      

Ja, ich will. Um es auszuprobieren klicke ich auf hier. Anders als beim unauffälligen Kaufvorgang erscheint nun ein Zwischentext. Ich tippe (wie vermutlich ein Großteil aller heutigen Erstnutzer) auf „Ich habe den Artikel aus Versehen angeklickt“.

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Ich klicke „Supernett“ (wie noch so ungefähr 15-20 mal im Laufe der Erkundung) und habe meine geschenkte Kohle zurück. Insgeheim frage ich mich allerdings, ob auch irgendwann Schluss ist mit „supernett“, nämlich wenn ich diese „Coole Sache“ zu meinem persönlichen Geschäftsmodell erkläre (nicht supernett).

In der App stoße ich so langsam an meine Grenzen, ich kann zwar ein paar Themen anklicken (und kaufen und umtauschen), aber ansonsten finde ich keine Einstellungen oder Sucheingabe-Masken, wo ich noch irgendetwas supernettes tun kann. Liegt es an meiner Android-Version, an mir oder ist das tatsächlich so minimalistisch vorgesehen?

Von der App zum Desktop

Also wechsel ich zur Desktop-Version auf dem Laptop. Und jetzt macht einiges auf einmal auch Sinn! (Aha-Erlebnis)

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Neben dem ersten Schock, dass sich die Farbumgebung von orange-rot nun in Bild-Zeitungs-rot verändert hat, entdecke ich nun auf Anhieb eine Vielzahl von wichtigen und nützlichen Funktionen:

  • ich habe nun eine Suchfunktion
  • ich kann Alerts eingeben
  • ich kann in Zeitschriften und Zeitungen blättern
  • ich kann Follower zusammenstellen
  • ich kann lesen (also sowieso, aber nun auch von der Schriftgröße her)
  • ich kann meine Einstellungen bearbeiten
  • ich kann Guthaben aufladen (supernett)

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Wenn ich mein Guthaben nun mit 10,00 € auflade, erhalte ich wieder 2,50 € Guthaben geschenkt. Das ist supernett, oder?

Für 10,00 € Startkapital habe ich nun ein Guthaben von 15,00 €. (super…)

Und die Preise? Sind die auch supernett? Jein!

Wie oben schon erwähnt, ist die Preispolitik sehr undurchsichtig und uneinheitlich. Als erstes fällt mir auf, dass Artikel verkauft werden, die ich schon längst kostenlos im Netz gelesen habe. Auch unter dem Aspekt, dass ich diese supernett umtauschen kann, wirkt das an dieser Stelle auf mich nicht unbedingt vertrauenswürdig. Aber genau das ist für mich persönlich in Bezug auf Journalismus (in welcher Form auch immer) das Wichtigste – Vertrauen. 

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Der FAZ-Artikel „Welt aus den Fugen“ ist kostenlos im Netz lesbar und wird hier für 0,45 € angeboten. Ich schätze, es läppert sich schnell ein ordentlicher Betrag zusammen. Und wenn ich allzu oft „umsonst“ zahle – denn ich werde sicherlich nicht jeden Titel gegenrecherchieren – dann ist das „superdoof“.

Aber abgesehen davon, dass ich viele der Artikel kostenlos lesen könnte, finde ich 0,45 € (oder sogar bis zu 0,79 €! für EINEN SZ-Artikel) schon recht happig. Die verschiedenen Zeitungsverlage legen die Preise für ihre Artikel selbst fest, nach welchen Kriterien auch immer.

Warum das superdoof“ ist:  

  • Warum soll ich mich als Leser auf diesen Zeitungs-Kiosk einlassen und Vertrauen entgegen bringen, wenn dies noch nicht einmal die Verlage selbst tun? Um Transparenz und Benutzerfreundlichkeit für den Leser zu schaffen, wäre eine halbwegs einheitliche und nachvollziehbare Preisvergabe sinnvoll. (siehe iTunes)
  • So entsteht in der Präsentation nicht unbedingt ein Zeitungs-Kiosk, sondern eher ein Jahrmarkt der Eitelkeiten.
  • Obendrein werde ich als Leserin in Wertigkeitsdenken hineingezogen, mit dem ich mich gar nicht belasten möchte, denn natürlich suggeriert ein hochpreisiger Artikel höhere Qualität, als ein niedrigpreisiger Text.  

Kauf-Button adé!

Die Artikel-Käufe selbst laufen über ein Guthabenkonto, das ich für meine Transaktionen aufladen muss. Das finde ich zunächst einmal sehr komfortabel und eine gute Idee. Das ist aber dann auch schon alles, denn die Kaufabwicklung ist für mich ein echter Scheiß persönliches No-Go!

Oben hatte ich schon meinen versehentlichen Kauf beim ersten Ausprobieren erwähnt. Das gleiche “Missgeschick” ist mir noch einige Male passiert. Der erste “Fehlkauf” löste noch ein gewisses Aha-Erlebnis aus, was sich allerdings im Laufe der Zeit  zu einem echt schlechten Gefühl auswächst. Verstärkt wurde dieses schlechte Gefühl heute Morgen, als ich einen Blendle-Newsletter erhielt (den ich auch nicht aktiv angefordert habe, den Haken habe ich wohl irgendwo übersehen)

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Als ich – konditioniert wie ich bin – auf den Artikel “Warum gehen so wenige wählen?“ klickte, habe ich diesen gleich mal wieder blitzgekauft. Mag man meine vorherigen Fehlkäufe noch in die Kategorie „Trotteligkeit“ packen, ist jetzt der eigentliche Clou, dass ich vorher nicht einmal den Preis kenne. Mittlerweile habe ich also nicht einmal mehr eine Basis, auf der ich eine Kaufentscheidung treffen könnte, wenn ich den Kauf denn überhaupt merke.

Was ich allerdings merke: ich bekomme schlechte Laune!

Und obwohl es sich immer noch um mein geschenktes Guthaben handelt, buche ich den Kauf zurück – aus Prinzip.

Sicherlich bin ich jetzt schon der erste Name auf der “Faule-Kunden-Liste” von Blendle.

Datum & Autoren

Das Datum eines Artikels sowie die Autoren sind für mich äußerst relevant für die Kauf- und Leseentscheidung. Beides ist nur sehr selten in dem Teaser der Artikel angegeben und somit übrigens die häufigste Ursache für meine Fehlklicks, weil ich aus einem Automatismus heraus nach zusätzlichen Angaben suchte.    

Staffs / Kuratoren 

Für die jeweiligen Themenbereiche werden Artikel von  teilweise bekannten Experten ausgewählt, zusätzlich gibt es Mitarbeiter, die themenübergreifend Artikel empfehlen. Kuratierte Inhalte sind für mich die wichtigste Form, um im digitalen Informations-Dschungel zu überleben. Hier wird es also davon abhängen, wie persönlich und vor allem unabhängig diese Empfehlungen sind, darüber wird sich Vertrauen aufbauen oder auch nicht. Die Schlüsselfrage ist, wie frei sind die Staffs in ihrer Auswahl? Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Verlagen gefallen würde, wenn sie nicht in Empfehlungslisten auftauchen. Gibt es vielleicht sogar Empfehlungs-Quoten? Haben Verlage wie „Axel Springer“ oder „New York Times“ Vorteile, weil sie an Blendle beteiligt sind?

Ich kuratiere selbst für die Nachrichten-App Niuws täglich relevante und kostenlos im Netz verfügbare Inhalte zum Thema „Literatur“. (Update: Niuws heißt mittlerweile Scope, mit über 70 Themen-Boxen von Experten kuratiert).

Bei Niuws Scope können Nutzer mittlerweile über fünfzig siebzig verschiedenen Themen-Boxen folgen, in denen die Kuratorinnen und Kuratoren die Inhalte mit Empfehlungstexten bereitstellen. Bevor ich im Sommer selbst eine Box übernommen habe, war ich schon Nutzerin der ersten Minute – also seit Niuws im Januar an den Start gegangen ist. Für mich ist wichtig: jede Kuratorin und jeder Kurator kann seine Box absolut frei bestücken, es gibt keine Vorgaben für die handkuratierten Links und auf der anderen Seite kann der Nutzer entscheiden, ob er der Box folgen möchte oder nicht. Diese Transparenz ist mir persönlich sehr wichtig, ansonsten wird aus persönlichen Empfehlungen schnell massentaugliche Werbung.

Die Frage der Empfehlungen stellt sich mir auch bei den im Blendle-Newsletter beworbenen Artikeln. Können Verlage die Plätze kaufen? Im heutigen Newsletter sieht die Zusammenstellung folgendermaßen aus: 2x Zeit, 2x FAZ, Rheinische Post, Süddeutsche Zeitung, Hannoversche Zeitung und Kicker quer durch die Themenbereiche. Mir ist unklar, warum ich genau auf diese Artikel klicken soll, um sie blitzzukaufen.

Persönliches Fazit

Die Presseverlage sitzen alle im gleichen Boot Kiosk – aus diesem Grund musste ich ein wenig schmunzeln über die mediale Dominanz zur Markteinführung von Blendle in Deutschland. Sicherlich ist dieses Modell, um auch zukünftig im Netz mit journalistischen Inhalten Geld zu verdienen, eine gute Idee. Einzelne Artikel der Zeitungen & Zeitschriften kaufen zu können, statt die komplette Ausgabe erwerben zu müssen, ist ein enormer Vorteil. Die Preispolitik, das Handling, die Kaufabwicklung und die fehlende Transparenz sprechen für mich allerdings erst einmal dagegen den Zeitungs-Kiosk zumindest regelmäßig zu nutzen. Das Motto „Wir lassen alles so wie es ist und errichten einfach eine unsichtbare Paywall, damit der Nutzer gar nicht  merkt, dass er bezahlt“, überzeugt mich nicht. 

Hierzu mag es unterschiedliche Standpunkte geben. Grundsätzlich bin ich schon der Meinung, dass Leser auch in Zukunft für guten, unabhängigen Journalismus bezahlen werden. Aber dann muss er auch gut und unabhängig sein.    

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Supernett! Aber erst einmal nicht! (Ich bleibe aber dran)

P.S. Die Kommunikation funktioniert übrigens sehr gut. Es gibt einen „Helpdesk-Button“ über den man mit den Mitarbeitern in Kontakt treten kann. Darüber habe ich die Information erhalten, dass die Android-App tatsächlich noch rudimentär ist und es nicht an meiner Unfähigkeit liegt: „(…)Ich weiss das (sic!) unsere Android Leute auf jeden Fall den Kiosk und eine Suchfunktion mit einbauen wollen. Die App wird immer besser und bekommt mehr Funktionen 🙂 (…)“

Und die Reaktionszeit von knapp einem Tag finde ich in der Start-Phase auch erstaunlich gut. 

Geschlossene Gesellschaft

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Irgendwo in den Umschlägen dort vorne schlummert der kluge Niklas  Luhmann mit seinen Fragen zur Systemtheorie.
Und obwohl Kommunikation die Grundlage aller sozialen Systeme ist, darf ich hier gleich mit niemandem mehr sprechen oder was fragen.
Hier gilt gleich das Luhmannsche Prinzip: „Operationale Geschlossenheit“

Ich darf mich also nicht mehr mit meiner Umwelt austauschen und bin in meiner Filterblase gefangen für die nächsten fünf Stunden.
Allen da draußen einen schönen Tag! 🙂

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Way to bachelorette

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Auf in die Uni zum Prüfungsmarathon in dieser Woche.
Heute: Qualitative Sozialforschung.
Gefolgt von Akteursmodellen, sozialen Strukturen und der geliebten Luhmannschen Systemtheorie 😉

Mit Anfang Vierzig „nebenbei“ zu studieren war vielleicht nicht gerade die klügste, aber auf jeden Fall die herausfordernste Entscheidung meines Lebens.
Trost: bald fast geschafft!
#Soziologie