Buchladen der Zukunft: Begegnungsstätte und digitaler Trendsetter

Postits

Auch in einer digitalisierten Welt von Morgen steht der Mensch im Mittelpunkt. Wohl noch mehr als heute.

In einer Zukunft, in der immer mehr digitalisiert wird, Maschinen und Roboter viele unserer Tätigkeiten übernehmen und wir mit Computerstimmen kommunizieren, werden Menschen sich noch mehr nach analogen Orten sehnen, an denen sie sich wohlfühlen können und als Individuum wahrgenommen werden – ein Ort der Begegnung.

Die moderne und kreative Buchhandlung der Zukunft ist technisch auf dem neusten Stand, um sämtliche digitalen und analogen Serviceleistungen anzubieten, die unsere Kundinnen und Kunden wünschen und die ihr Leben bequemer machen. Es gibt kein Endprodukt mehr, sondern alles bleibt in Bewegung. Flexibel & sportlich. Analog wie digital. Wie sieht das aus?

Coworking-Area

Mitten in unserer Buchhandlung gibt es Arbeitsplätze. Dort in der Coworking-Area können Menschen digital arbeiten, sich austauschen, netzwerken und vielleicht sogar Bücher schreiben. Dort finden Workshops statt zu Trendthemen und Kinder können die Sprache der Zukunft lernen: Programmieren.

Lehrerinnen und Lehrer können sich in Schulungen mit dem Einplatinencomputer „Calliope mini“ vertraut machen, der zukünftig in allen Grundschulen eingesetzt werden wird, um Schülerinnen und Schülern das Coden beizubringen. Abends oder am Wochenende finden auch mal Buch-Hackathons statt.

Espresso Book Machine

Eine Espresso Book Machine (Print-on Demand-Drucker), die in 5 Minuten aus PDF Dateien Bücher druckt, gehört zur Ausstattung der Zukunftsbuchhandlung. Dort können Kundinnen und Kunden sich die Bücher ausdrucken lassen, die nicht vorrätig sind. In der Zwischenzeit trinken sie einfach einen Kaffee oder Espresso im Café – der schnellste Weg der Buchbestellung, bei dem nicht einmal Amazon mithalten kann. Bäm!

Wer doch ein Buch bestellen möchte und sich dies nicht nach Hause liefen lassen will, der kann das Buch zu jeder Zeit am Buch-Abholautomaten abholen.

E-Book-Reader Bar

Noch schneller geht es nur an unserer E-Book-Reader Bar. Dort kann sich jeder seine E-Books sofort kaufen und gleich in seine Tolino Cloud hochladen. Die Rechnung wird automatisch aufs Smartphone gesendet, entweder wird per Kreditkarte abgerechnet oder über die Blockchain-Technologie in Kryptowährung bezahlt, oder aber bei dem Kollegen, der Kollegin, mit dem Tablet. (Tablet? Spoiler!). Wer es altmodisch mag, lässt einfach den Rechnungs-Barcode an der Kasse scannen und bezahlt womit er gerne möchte.

Mittelpunkt Mensch

Die Buchhändlerinnen und Buchhändler sind ausgestattet mit Tablet oder Smartphone und beraten, recherchieren, bestellen oder kassieren dort, wo der Kunde ist. Am Regal, an der EBook-Bar oder im Café. Feste Info-PC Stationen gibt es keine mehr.

Analoges und digitales Sortiment

Analog oder digital ist für uns keine wichtige Unterscheidung mehr. In der Zukunftsbuchhandlung gibt es zwar weniger gedruckte Bücher als heute, schließlich lassen sich alle Bücher jederzeit nach Wunsch ausdrucken, Kunden können sich aber alle kuratierten Bücher zu allen Themen in der App oder an unseren Kunden-Monitoren digital anschauen.

Die Buchhändlerinnen und Buchhändler sind mit den digitalen Sortimenten und Themen-Tischen genauso vertraut wie mit den analogen. Die buchhändlerische Kompetenz zeigt sich nicht nur in der emotionalen, analogen Gestaltung der Sortimente, sondern darüber hinaus auch in der fein kuratierten digitalen Premium-Buchhandlung, die alle wichtigen Bücher und schönsten Dinge beinhaltet.

Wir sind immer dort, wo unsere Kunden sind. Vor Ort oder im Netz.

Coden mit dem Calliope

Nachdem mich 2017 einmal kräftig durchgeschüttelt und mein Leben komplett auf den Kopf gestellt hat, freue ich mich nun erst einmal auf das schöne neue und unverbrauchte Jahr 2018.

Was mich im letzten Jahr gerettet hat: Lieblingsmenschen, Leidenschaft, Neugier, lernen, durchbeißen und niemals aufgeben!

Was ich im letzten Jahr begonnen habe, das aber durch die Beschissenheit widriger Dinge dann doch etwas zu kurz kam, ist das Programmieren. Ich habe begonnen PHP und MySQL zu lernen, habe mich dann für das sehr coole Ruby on Rails begeistert und mich in den Calliope verliebt.

Das alles möchte ich in diesem Jahr etwas intensiver fortführen und ich merke schon, dass bei mir nach dem harten letzten Jahr nun etwas mehr die Spielfreude überwiegt, daher werde ich mich zumindest zu Beginn des Jahres etwas mehr auf den Calliope konzentrieren. Nach der gecodeten „Ode an die Freude“ noch in der Silvesternacht, ging es heute gleich mit einem weiteren kleinen Projekt weiter. Da der Sound etwas träge daher kam, was nicht nur an der schiefen Tonlage lag, habe ich gleich heute Lautsprecher und Kopfhörer daran gebastelt, mit einem nun recht satten Ton, wie man im Video anhören kann. Dazu benötigte ich lediglich eine Büroklammer und zwei Krokodilklemmen.

Ziel ist es bis zum Frühjahr dieses Jahres so fit zu werden, um ehrenamtlich ein paar Programmier-Workshops in Seniorenheimen durchzuführen. Was ich nämlich auch gelernt habe im letzten Jahr: die Menschen, die am meisten von neuen Technologien profitieren würden, sind leider komplett abgehängt und haben Angst vor Neuem. Wenn ich mein privates Smart Home vom Sofa und per App herumkommandiere, dann mag das momentan noch eher etwas mit Bequemlichkeit oder einfach Spaß zu tun haben, für ältere Menschen könnte es aber eine große Chance sein, ihr Leben solange wie möglich selbstbestimmt und mit Freude zu leben. Oder die Welt auch einfach nur noch zu verstehen. Dazu kann es aber nicht kommen, wenn die Angst vor neuer Technik überwiegt und es zudem auch gar keinen Zugang zur digitalen Welt gibt. Um das zu ändern ist der Calliope vermutlich ein hübscher kleiner und kluger Begleiter.

Wir werden sehen. Und ich werde definitiv berichten. Stay tuned!

Lesen macht einfühlsamer

Bronte

Bücher zu lesen macht uns einfühlsamer und zugewandter, wie Forscher der Kingston University London kürzlich in einer Untersuchung herausgefunden haben. Wer regelmäßig liest, kann Themen besser aus verschiedenen Blickwinkeln und mit deutlich mehr Empathie betrachten. Empathie wiederum ist ein wichtiger Erfolgsfaktor sowohl im Umgang mit dem eigenen Team wie auch mit Kunden, auch bei der Weiterentwicklung von Dienstleistungen und Produkten.

Lesen kann also durchaus zum Unternehmenserfolg beitragen, wenn man dieses Ergebnis weiterspinnt, was ich als Buchhändlerin natürlich sehr gerne tue.

Was sollten Sie aber beachten für den größtmöglichen Lese-Erfolg?

Erstens: Greifen Sie nicht automatisch zu einem Fachbuch, auch wenn die Blockchain, Künstliche Intelligenz, Smart Home oder Plattform-Ökonomie bestimmt spannend sind für Ihren Job oder Ihr Unternehmen. Nehmen Sie sich lieber die modernen Visionäre zum Vorbild: Tesla-Chef Elon Musk beispielsweise zählt sich selbst zu den Viellesern und fühlt sich besonders von Tolkiens «Herr der Ringe» inspiriert. Und Microsoft-Gründer Bill Gates veröffentlicht sogar regelmäßig eine Leseliste auf seinem Blog; darauf finden sich immer auch Romane — dieses Genre soll übrigens einen besonders positiven Effekt auf unser Sozialverhalten haben.

Zweitens: Wer den ganzen Tag aufs Smartphone oder einen Bildschirm starrt, darf in seiner Freizeit auch mal «old school» ein Buch aus Papier in die Hand nehmen. «Wir erinnern uns an den Inhalt eines gedruckten Buches leichter als an den eines digitalen», sagt der Leseforscher Adriaan van der Weel vom Forschernetzwerk E-Reads, das sich mit den Auswirkungen des digitalen Lesens auf Mensch und Gesellschaft befasst. Vielleicht liegt darin auch einer der Gründe, warum der E-Book-Markt in der Schweiz und in Deutschland nicht wirklich in Fahrt kommen mag. (Und ja: E-Books sind auch einfach zu teuer.) Aber selbst in den USA erlebt der stationäre Buchhandel gerade wieder einen Aufwind, selbst Amazon eröffnet bekanntlich mittlerweile auch eigene Läden.

Das Buch ist tot, es lebe das Buch.

Die beliebtesten Weihnachtsgeschenke sind auch in diesem Jahr Bücher. Das ist nicht nur eine beruhigende Nachricht für die Buchbranche, die ein Viertel ihres Jahresumsatzes im Weihnachtsgeschäft generiert, sondern es könnte auch Inspiration sein, sich selbst oder lieben Menschen mal wieder ein schönes Buch zu schenken  —  daher hier als empathische Anregung meine drei Pflichtlektüre-Lieblings-Buchtipps der Saison:

«Ein wenig Leben» von Hanya Yanagihara 
(Mayersche)

958 Seiten voller Wucht über menschliche Abgründe, lebenslange Freundschaft und wahre Liebe. Gehört für mich zu den Büchern, die man einfach gelesen haben muss, weil es einzigartig ist und jede einzelne Seite die vier College-Freunde und ihre Geschichten unfassbar lebendig werden lässt.

«Die Geschichte der Bienen» von Maja Lunde
(Mayersche)

Das prekäre Verhältnis von Mensch und Natur hat Maja Lunde bewegt, dieses Buch zu schreiben. Im Mittelpunkt stehen aber drei packende Geschichten von Menschen aus der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die kunstvoll miteinander verwoben werden. Ein unvergleichliches, irre gutes Buch, keine einzige Minute dieser ergreifenden Lektüre ist verschwendet. Versprochen!

«Kraft» von Jonas Lüscher
(Mayersche)

Erst kürzlich wurde Jonas Lüscher für «Kraft» mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet. Sein Romanheld Richard Kraft, ein Rhetorikprofessor in Tübingen, zieht ins Silicon Valley, um seiner finanziellen und persönlichen Misere zu entfliehen. Durch Kalifornien irrend wird er aber mehr mit Vergangenheit und Zukunft konfrontiert, als ihm lieb ist. Ein genialer, moderner Gesellschaftsroman, der einfach Spaß macht.

Ich wünsche allen schöne & besinnliche Weihnachten!

(Verfasst: 01.08.2016) – Closer Look: Parteiendifferenz in der Integrationspolitik. Vom Zuwanderungsgesetz zum Integrationsgesetz.

Besonders für den aktuellen Wahlkampf ist interessant zu wissen, wie eigentlich Gesetze und Inhalte in Koalitionsregierungen entstehen und dass es keineswegs ausschließlich um aktuelle, parteipolitische Faktoren geht, die in Regierungsentscheidungen einfließen. Alle Parteien schleppen mittlerweile eine mehr oder weniger lange Parteihistorie mit sich herum, die immer auch Einfluss auf die verschiedenen Themen hat, wie beispielsweise bei der Sicherheit, Migration, Bildung, Gesellschaftsordnung oder auch bei Fragen rund um die Digitalisierung. Besonders deutlich wurde dies jüngst bei der „Ehe für Alle“. Ein Beispiel, das gezeigt hat, dass obwohl es in der Gesellschaft breite Zustimmung in dieser Frage gab, konservative Parteien wie CDU und CSU zwar nicht geschlossen, aber mehrheitlich, gegen die Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare gestimmt haben. Klingt doch eigentlich verrückt, wenn man bedenkt, dass Parteien ja um die Wählergunst buhlen und sie sich deshalb nicht selten der Stimmung in der Gesellschaft angepasst haben. Und der LGBT-Anteil in Deutschland wird auf immerhin ca. 7,4 Prozent geschätzt. Es gibt aber Einstellungen zu Themen in den Parteien, die so tief in ihrer Identität verwurzelt sind, dass sie davon auf gar keinen Fall abrücken, selbst wenn sie damit gegen die Mehrheitsstimmung agieren.  Weiterlesen „(Verfasst: 01.08.2016) – Closer Look: Parteiendifferenz in der Integrationspolitik. Vom Zuwanderungsgesetz zum Integrationsgesetz.“

Zygmunt Bauman: Von der festen Moderne über die Postmoderne zur flüchtigen Moderne

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Zygmunt Bauman – Bildquelle: Social Europe

Zygmunt Bauman (geboren am 19. November 1925 in Posen, gestorben am 9. Januar 2017 in Leeds), der 1939 vor den Nazis in die Sowjetunion flüchtete, hatte als polnisch-britischer Soziologe von 1971-1990 den Lehrstuhl für Soziologie an der University of Leeds inne. Er wurde mit dem Amalfi-Preis und dem Theodor-W.-Adorno-Preis ausgezeichnet und erhielt 2014 den Preis für sein Lebenswerk von der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.

In unserer Gesellschaft haben sich in den letzten Jahren große Umbrüche vollzogen, mit spürbaren Auswirkungen auf sämtliche Lebensbereiche. Ob es sich um politische Veränderungen und Krisen, Folgen der Globalisierung oder umfängliche Prozesse in Bezug auf die Digitalisierung handelt, immer hat dies auch Einfluss auf das gesellschaftliche Zusammenleben, unsere Arbeitswelt, soziale Beziehungen und auf die einzelnen Individuen.

In der Gegenwartsgesellschaft herrscht immer mehr das Gefühl, dass sich so einiges verändert hat, und dass diese Veränderungen  nicht unbedingt positiv für den Einzelnen sind. Es entstehen Unsicherheit und auch Ängste, denn die Veränderungen erscheinen oftmals so diffus, dass man sie nur schwer greifen oder gar belegen kann.

Der Soziologe Zygmunt Bauman, einer der bedeutendsten modernen Denker, hat sich in seinen Theorien der „flüchtigen Moderne“ genau damit beschäftigt. Heute ist er im Alter von 91 Jahren in Leeds gestorben. Bis zuletzt hat er sich in alle wichtigen Themen unserer Gegenwartsgesellschaft eingemischt. Auf der vorletzten re:publica hielt er beispielsweise einen fulminanten Vortrag „From Privacy to Publicity: the changing mode of being-in-the-world“ und referierte darüber, wie im digitalen Zeitalter  die Menschen ihre Privatheit aufgeben, um irgendwie dazu zu gehören. Der Auftritt lohnt sich anzuschauen: re:publica2015 meets Zygmunt Bauman.

Und in seinem gerade erst erschienen neuen Buch „Die Angst vor den anderen – Ein Essay über Migration und Panikmache“ beschäftigte er sich brandaktuell mit den Flüchtlingsströmen und den gewaltigen Herausforderungen für die einzelnen Nationen und der zunehmenden Xenophobie.

 Liquid Modernity

In seiner Liquid Modernity setzt er bei der Auflösung der festen Ordnung an. Die Gegenwartsgesellschaft ist durch Deregulierung und löchrige Sicherheitsnetze gekennzeichnet, wo Menschen, die der Gesellschaft keinen Nutzen mehr bringen, wie beispielsweise Kranke und Arbeitslose, aus der gesellschaftlichen Ordnung herausfallen und soziale Beziehungen nur noch oberflächlichen Charakter haben. In einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ aus dem Jahre 2005 beschreibt Bauman unsere heutige Gesellschaft folgendermaßen:

„Wir leben heute in der flüchtigen oder flüssigen Moderne, wie ich sie nenne, in Konsumgesellschaften, in denen menschliche Beziehungen auf flüchtigen Genuss beschränkt sind. Menschen sind nur so lange wertvoll, wie sie Befriedigung verschaffen. (…) Die Überflüssigen fallen aus dem Klassensystem, aus jeder gesellschaftlichen Kommunikation heraus und finden nicht wieder hinein“ (Interview: Wenn Menschen zu Abfall werden 2005, S.2-3).

Der Einzelne wird immer mehr dem freien Markt ausgeliefert, der Staat zieht sich  als ordnende Instanz zurück und Organisationen sowie Institutionen verlieren an Bedeutung. Die Bewältigung von Ambivalenzen wird privatisiert und den Individuen überlassen, die gezwungen sind Entscheidungen zu treffen, obwohl Ihnen die Grundlage für ihre Entscheidungswahl fehlt (vgl. Bonacker 2014, S.174-175).

Zygmunt Bauman hat sich in seinen Werken mit einem breiten Themenspektrum beschäftigt, so beispielsweise mit dem Holocaust, der Arbeiterbewegung, der Globalisierung und der Zukunft Europas. Während seines Schaffens entwickelte er die Begriffe der Gegenwartsbeschreibung von dem der „festen Moderne“, über die „Postmoderne“ hin zur aktuellen „flüchtigen Moderne“. Sein Ziel ist die Ausarbeitung und Entfaltung einer Soziologie gesellschaftlicher Ordnungsformen (vgl. Junge 2006, S.14-15).

Theoretische Beeinflussungen lassen sich bei Bauman in der Kapitalismus-Kritik von Karl Marx finden, die er zur Kritik an der Idee des Nationalstaates und Konsequenzen der Globalisierung weiterführt. Verbindungen mit den Arbeiten von Georg Simmel lassen sich in der Aneignung des „phänomenologischen Blicks“ finden und in der Annahme, dass soziale Phänomene auf der Makroebene immer auch in sozialen Prozessen auf der Mikroebene zum Ausdruck kommen (vgl. Junge/Kron 2014, S.6).

Mit seinem im Jahre 2000 erschienenem Werk „Liquid Modernity“ löst er sich vom Begriff der Postmoderne als Beschreibung der Gegenwart und wendet sich dem Begriff der „flüchtigen Moderne“ als Gesellschafsbeschreibung zu. Mit diesem Begriff beschreibt er  die Auflösung der festen Ordnung, die zu Deregulierung, geringerer Sicherheit und Ängsten, aber auf der anderen Seite scheinbar auch zu mehr Freiheit und Individualität in einer kontingenten Welt der grenzenlosen Möglichkeiten führt, in der sich für das Individuum der soziale Bezugsrahmen immer mehr auflöst. Der Staat liefert den Einzelnen dem freien Markt aus, das staatliche Sicherheitssystem wird abgebaut und Flexibilität gefordert.

So schreibt Bauman:

„Mit der Abdankung der zentralen Organisationskomitees, die sich um Ordnung und Regelmäßigkeiten, um die Differenz zwischen richtig und falsch kümmerten, erscheint die Welt heute als grenzenlose Ansammlung von Möglichkeiten: ein Container, randvoll mit zu ergreifenden oder verpaßten [sic!] Gelegenheiten“ (Bauman 2003, S.76).

Auch ist der Einzelne gefordert, die für sich besten Entscheidungen zu treffen.

„Alles ist auf die Ebene des Individuums heruntergebrochen. Die einzelnen müssen entscheiden, was sie wollen, was sie können und für welches Ziel sie ihr Können einsetzen wollen – zur größtmöglichen Befriedigung natürlich“ (Bauman 2003, S.77).

Bauman definiert fünf Aspekte der „flüchtigen Moderne“, die für die Lebenswelt der Individuen neue Herausforderungen darstellen und die die Auswirkungen der neuen Flüchtigkeit auf den Einzelnen verdeutlichen.

Erstens sind Strukturen, die die Entscheidungsspielräume des Einzelnen begrenzen und somit Orientierung für menschliches Handeln und langfristige Lebensstrategien bieten nur noch von kurzem Bestand. Zweitens verlagert sich die Möglichkeit des modernen Staates, effektiv zu handeln in den politisch unkontrollierten globalen Raum und lässt die Macht der politischen Institutionen schwinden, sich um die Probleme ihrer Bürger kümmern zu können. Diese Funktionen übernehmen unkontrollierte Kräfte des freien Marktes oder werden der Eigeninitiative des Einzelnen überlassen. Drittens löst sich das gemeinschaftliche Sicherheitsnetz immer weiter auf, da zum einen die staatliche Absicherung gegen Schicksalsschläge und individuelles Scheitern abgebaut wird, und zum anderen werden die Individuen dem Konsum- und Arbeitsmarkt ausgeliefert, was die Spaltung der Gesellschaft zur Folge hat. Die Gesellschaft definiert sich nur noch über zufällige Verbindungen. Viertens stellt sich das leben des Einzelnen nur noch als eine Aneinanderreihung kurzfristiger Projekte dar, zurückliegende Erfolge geben keine Garantie oder Sicherheit für die Zukunft. Dieses immer wieder aufs Neue kurzfristige Planen und Handeln führt zur Schwächung sozialer Strukturen. Fünftens trägt das Individuum sämtliche  Risiken und Konsequenzen für seine Wahlen und Entscheidungen, obwohl es diese aufgrund flüchtiger Strukturen und mangels Wissen gar nicht einschätzen oder begreifen kann. Aus der Tugend der Konformität in Bezug auf Regeln wird die Tugend der Flexibilität in Bezug auf Chancenergreifung und Veränderung (vgl. Bauman 2008, S.7-11)           .

Diese kompakte Darstellung Baumans verdeutlicht, wie sich die „flüchtige Moderne“ auf die Individuen auswirkt. Um die Tragweite dieses gesellschaftlichen Wandels verstehen zu können ist ein Blick auf die Merkmale der „festen Moderne“, wie sie Bauman beschreibt, unumgänglich.

 Ordnung und Ambivalenz

Bauman charakterisiert die „feste Moderne“ anhand der Schlüsselbegriffe Ordnung und Ambivalenz. Hauptmerkmal und Daueraufgabe der Moderne war es, Strukturen und soziale Ordnung herzustellen. Bauman beschreibt dies als permanenten Kampf gegen das Chaos. Dieses Chaos wird durch die Ambivalenz verursacht, die Bauman als „die Möglichkeit, einen Gegenstand oder ein Ereignis mehr als nur einer Kategorie zuzuordnen“ definiert (Bauman 2005, S.13).

Er sieht Ambivalenz als Hauptmerkmal von Vergesellschaftungsprozessen, die die Herstellung von Ordnung verhindert. In der „flüchtigen Moderne“ fällt die Regulation von Ambivalenz zurück an die Individuen, also auch die Verantwortung für die Herstellung von Ordnung (vgl. Junge 2014, S.69-70).

Um den Staat der Moderne zu beschreiben, der für die nötige Ordnung sorgte, die der Gemeinschaft Sicherheit und Planbarkeit brachte, nutzt Bauman die Garten-Metapher. Ohne den Gärtner gäbe es keine Ordnung in der Welt – zumindest in dem Teil, der ihm anvertraut ist – denn er entscheidet, welche Pflanzen am besten an einer bestimmten Stelle wachsen können und vor allem auch, was nicht gedeiht und als Unkraut aussortiert werden muss. Der professionelle und fachmännische Gärtner überlegt sich eine sinnvolle Ordnung für seine Pflanzenwelt und erfüllt dann alle Maßnahmen, um diese von ihm erdachte Ordnung umzusetzen. Dieser Gärtner als Ordnungshüter der modernen Gesellschaft wurde in der „flüchtigen Moderne“ allerdings vom Jäger abgelöst, der – in der verwendeten Vorstellung von Bauman – kein Interesse an einer Ordnung hat, sondern nur schnelle Beute machen möchte. So haben die beschriebenen Jäger der „flüchtigen Moderne“ keine Ziele mehr und verfolgen kurzfristige Eigeninteressen. Dies führt dazu, dass jeder gegen jeden agiert (vgl. Bauman 2008, S. 144-148).      

Ein Grund, weshalb der Staat die Gärtner-Funktion verloren hat, beschreibt Bauman in Anlehnung an Michel Foucault mit der Metapher des Panoptikums.  Laut dieser Metapher konnte der Staat schon dadurch für Ordnung sorgen, weil die Bewohner sich jederzeit überwacht fühlten, da sie das Wachpersonal aufgrund der Form nicht sehen konnten, mussten sie jederzeit davon ausgehen, dass die Bewacher anwesend waren (vgl. Bauman 2003, S.17-18). Die Insassen des Panoptikums ließen sich kontrollieren und überwachen, um als Gegenleistung Sicherheit und Ordnung zu erhalten (vgl. Bauman 2007, S.174-175).

Nachdem der Nationalstaat sich aber immer mehr zurückgezogen hat, seine regulierenden Machtfunktionen eingeschränkt hat und auch immer weniger als Wächter und Gärtner fungierte, sind seine Bürger mit dem Kampf gegen die Ambivalenz und dem Versuch der Herstellung von Ordnung und Sicherheit auf sich alleine gestellt.

„Ambivalenz ist aus der öffentlichen Sphäre in die private übergegangen, seit keine weltliche Macht mehr Neigung zeigt, sie auszulöschen. Sie ist jetzt im großen und ganzen eine persönliche Angelegenheit. Wie so viele andere global-gesellschaftliche Probleme muß [sic!] dieses jetzt individuell angepackt und, wenn überhaupt, mit individuellen Mitteln gelöst werden. Die Erlangung von Klarheit der Absicht und Bedeutung ist zu einer individuellen Aufgabe und persönlichen Verantwortung geworden. Die Anstrengung ist etwas persönliches. Und ebenso das Scheitern der Anstrengung. Und der Vorwurf für das Scheitern. Und das Schuldgefühl, das der Vorwurf mit sich bringt“ (Bauman 2005, S.239). 

„Flüchtige Gesellschaft“ als Konsumgesellschaft

Zygmunt Bauman beschreibt die Gesellschaft der „flüchtigen Moderne“ als Konsumgesellschaft, in der die Teilhabe davon abhängt, ob der Mensch ökonomische Möglichkeiten hat zu konsumieren. Da die Armen nur mangelhafte Konsumenten sind, ist ihnen der Zutritt in die Gesellschaft verwehrt (vgl. Bauman 2007, S.187-188).

Der Konsum hat zum Wandel der Gesellschaft beigetragen, ihre Mitglieder haben sich gewandelt vom Produzenten zum Konsumenten. Das Leben des Produzenten war gekennzeichnet durch das Einhalten von Konformität und begrenzt durch normative Regeln. Das Leben des Konsumenten dagegen ist weitgehend normfrei, der Himmel scheint die einzige verbleibende Grenze (vgl. Bauman 2003, S.93).

Eine Befriedigung der Wünsche ist nicht vorgesehen, auf jeden erfüllten Wunsch muss sogleich wieder ein neuer Wunsch folgen. Den fortwährenden Zwang zum Konsum beschreibt Bauman in einem Interview „Konsum macht einsam“ mit der Süddeutschen Zeitung folgendermaßen:

„Der Markt ist ein unerbittlicher Richter, der Entscheidungen zwischen dem Drinnen- und Draußensein fällt und keine Berufungsverfahren zulässt. Unwillige Konsumenten oder aber schwache Anbieter ihrer selbst sind wie ausgestoßen. In der liquiden Gesellschaft der Konsumenten ersetzen Schwärme zunehmend hierarchisch geprägte Gruppen. Schwärme sind keine Teams, sondern existieren lediglich durch eine mechanische Solidarität“ (von der Hagen 2011, S.3).

Zygmunt Bauman zeichnet kein sorgenfreies Bild für das Individuum in der „flüchtigen Moderne“, die ebenfalls Menschen zu Abfall werden lässt, wenn sie für die Konsumgesellschaft keinen Nutzen mehr bringen. Dies betrifft beispielsweise Flüchtlinge, Staatenlose, Entwurzelte und auch Arbeitslose (vgl. Interview: Wenn Menschen zu Abfall werden 2005, S.3). Und da sich vor Arbeitslosigkeit kein Mensch komplett schützen kann, ist der Befund, zum Abfall der Gesellschaft zu werden, für jeden eine sehr reale Drohkulisse, die es gilt mit aller Kraft zu verhindern.

Seine starke kluge Stimme wird der Welt fehlen. Für mich persönlich war er ein Vorbild, ein Mensch der mit der Zeit geht, der sein Denken mit der Zeit weiterentwickelt, wie er mit seinen Theorien deutlich zeigte. Zygmunt Bauman wird fehlen.

Literatur:

Bauman, Zygmunt (2003): Flüchtige Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Edition Suhrkamp, 2447).

Bauman, Zygmunt (2005): Interview: Wenn Menschen zu Abfall werden. Online verfügbar unter http://www.zeit.de/2005/47/st-bauman_alt, zuletzt geprüft am 24.03.2016.

Bauman, Zygmunt (2005): Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit. Neuausg. Hamburg: Hamburger Ed.

Bauman, Zygmunt (2007): Flaneure, Spieler und Touristen. Essays zu postmodernen Lebensformen. Hamburg: Hamburger Ed.

Bauman, Zygmunt (2008): Flüchtige Zeiten. Leben in der Ungewissheit. Hamburg: Hamburger Ed.

Bonacker, Thorsten (2014): Moderne und postmoderne Gemeinschaften. Baumans Beitrag zu einer Theorie symbolischer Integration. In: Matthias Junge und Thomas Kron (Hg.): Zygmunt Bauman. Soziologie zwischen Postmoderne, Ethik und Gegenwartsdiagnose. 3., erw. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 153–186.

Hagen, Hans von der (2011): Konsum macht einsam. Interview mit Zygmunt Bauman. Online verfügbar unter http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/2.220/interview-mit-zygmunt-bauman-konsum-macht-einsam-1.1049496, zuletzt geprüft am 23.03.2016.

Junge, Matthias (2006): Zygmunt Bauman: Soziologie zwischen Moderne und Flüchtiger Moderne. Eine Einführung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften (Lehrbuch).

Junge, Matthias (2014): Ambivalenz: eine Schlüsselkategorieder Soziologie von Zygmunt Bauman. In: Matthias Junge und Thomas Kron (Hg.): Zygmunt Bauman. Soziologie zwischen Postmoderne, Ethik und Gegenwartsdiagnose. 3., erw. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 69–86.

Junge, Matthias; Kron, Thomas (Hg.) (2014): Zygmunt Bauman. Soziologie zwischen Postmoderne, Ethik und Gegenwartsdiagnose. 3., erw. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Friedliche & schöne Weihnachten!

leider nur Facebook bekannt als Quelle

Alles unter Kontrolle. Gehen Sie sich besaufen. So ungefähr ließe sich das einhellige innenpolitische Statement kurz nach dem Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz  zusammenfassen. Die Stunden danach ließen aber einige Zweifel an der Kontrolle des Staates aufkommen. Je mehr Einzelheiten ans Licht kamen, desto größer wurden die Zweifel. Der Attentäter war als Gefährder eingestuft, Geheimdienste hatten vor Terrorgefahr gewarnt und der Typ reist ungehindert und unbeobachtet durch die Lande als sei er auf Klassenfahrt. Diese Tatsache löst Kopfschütteln und Übelkeit aus. Und bei solch einem fahrlässigen Umgang mit augenscheinlich radikalisierten Menschen sollen wir uns unserem Schicksal ergeben und uns auf den Weihnachtsmärkten mit Glühwein betrinken, um unsere Freiheit und offene Gesellschaft zu feiern? Als wäre es Schicksal, wenn Bürokratie und Personalmangel es anscheinend verhindern, dass ein polizeibekannter radikalisierter Irrer unschuldige Menschen tötet? Na dann, Prost!

Meine Freiheit entscheidet sich im übrigen nicht nur auf dem Weihnachtsmarkt. Und schon gar nicht auf denen, die trotz höchster Terrorgefahr nicht einmal mit Betonpollern gesichert waren. Es hätte nicht gegen alles geschützt, aber es wäre wenigstens der Versuch einer Entschlossenheit gewesen, solche öffentlichen Plätze schützen zu wollen. Nicht gegen alles, aber schon mal gegen diejenigen, die unfähig sind eine Bombe zu basteln und sich deshalb ins Führerhaus eines Lastwagens setzen.

Meine jüngste Großnichte hat vor ein paar Tagen ihren zweiten Geburtstag gefeiert. Unter welchen Bedingungen ihr Leben verlaufen wird, das entscheiden wir heute. Ob sie später einmal Glühwein trinken wird lässt sich noch nicht abschätzen. Ob sie es als Freiheit empfinden wird, dies pollerfrei auf einem Weihnachtsmarkt zu tun auch nicht. Ich wünsche mir, dass sie in einer offenen, vielfältigen und kontingenten Welt aufwächst, in der sie all das, was sie tun möchte, machen kann, ohne Angst haben zu müssen. Ich hoffe, dass sie zu keiner Lebensweise gezwungen wird, die sie nicht möchte. Das ist mein Verständnis von Freiheit, das sich anscheinend immer mehr von dem der Politik zu unterscheiden scheint.

Dort möchte man nämlich lieber Flüchtlinge bekämpfen statt Terroristen und Verbrecher. Dort denkt man, mit Obergrenzen könnten man Krieg und Terror besiegen. Das wird allerdings den letzten Funken Menschlichkeit aus unserer westlichen Welt verbannen, aber vermutlich nicht für die nötige Sicherheit sorgen, die es braucht, um eine friedliche, fortschrittliche und lebenswerte Zukunft zu gestalten. In solch einer menschenfeindlichen Gesellschaft möchte ich nicht leben.

Gestern, einen Tag vor Heiligabend, hatten meine Eltern einen Autounfall, weil ein Idiot über eine rote Ampel gefahren ist. Die ausgelösten Airbags haben sie wohl vor schlimmeren Verletzungen bewahrt. Hier haben die Sicherheitsvorkehrungen glücklicherweise funktioniert. Und niemand fühlt sich in seiner Freiheit des Autofahrens dadurch eingeschränkt. Nur Glühwein sollte man in diesem Fall nicht trinken.

Ein scheiß Jahr geht betrüblich zu Ende. Wir sollten es aber nicht dem Schicksal überlassen, dass die kommenden Jahre besser werden. Wir können jetzt ein paar Tage mit Familie und Freunden verbringen. Dabei könnten wir darüber nachdenken, wie wir zukünftig in unserer offenen Gesellschaft, die – seien wir doch mal ehrlich – das geilste ist, was wir haben, leben wollen.

Und dann sollten wir anfangen daran hart zu arbeiten!

Ich wünsche allen friedliche und schöne Weihnachten!

(Mobil geschrieben in der Deutschen Bahn zwischen Berlin und Köln)

Türkische Weihachten fallen aus. Oder nicht?

Weihachten wurde an der deutsch-türkischen Elite-Schule „Istanbul Lisesi“ verboten. So lauteten die ersten Meldungen gestern, die ich über die Radio-Nachrichten (WDR2)  hörte. Auf Weihnachtslieder sei zu verzichten, Adventskalender sollen verbannt werden, Geschichten über Weihnachtsbräuche unterlassen werden. Dies habe die Schulleitung den Lehrern der deutschen Abteilung dort per Mail mitgeteilt, so hieß es weiter laut dpa Informationen. Im Laufe des Tages schaukelte sich die Empörung hoch und je höher sie schaukelte, desto größer wurde auch die Verwirrung. Am Istanbul Lisesi unterrichten 35 deutsche Lehrer, die von Deutschland bezahlt werden. Das fördert natürlich die Empörung noch, besonders bei CSU-Politikern. Bei Weihnachten hört schließlich der Spaß auf.

„Wie lange schauen wir noch tatenlos zu? Es gibt einen Punkt, an dem Langmut in Schwäche und Hilflosigkeit umschlägt!“ ist von Hans-Peter Friedrich auf Twitter zu lesen.

(Ist Weihnachten bei allen schrecklichen Entwicklungen in der Türkei nun tatsächlich die „rote Line?“)

Für Verwirrung sorgte dann das kurz darauf verbreitete Dementi der Schule, es gäbe kein Weihnachtsverbot, „allerdings hätten die deutschen Lehrer im Unterricht vor allem in den letzten Wochen Texte über Weihnachten und das Christentum auf eine Weise behandelt, die nicht im Lehrplan vorgesehen ist“. (Dieses Dementi verwundert natürlich auch nicht)

Seit dem Putschversuch im Juli scheint die Türkei auf dem besten Weg in eine Diktatur. Wir hörten von zigtausend entlassenen und/oder verhafteten Lehrern. Hunderte Schriftsteller, Journalisten, Künstler, Gelehrte, die mit ihrer Meinung nicht regierungstreu agieren, sitzen in Haft. So wie vermutlich jeder, der Erdogans Islamisierung öffentlich kritisiert. Meinungsfreiheit ist mehr oder weniger abgeschafft. Die deutsch-türkischen Beziehungen sind  tiefgefroren.

Dass es in diesen Zeiten überhaupt noch eine Schule in der Türkei mit deutschen Lehrern gibt, das hat mich in der Tat sehr erstaunt. Diese Nachricht war für mich eigentlich diejenige mit dem größten Informationsgehalt der Meldungen gestern. „Weihnachtsverbot zeigt: In der Türkei regiert die Intoleranz“ titelte beispielsweise eine News-Seite. Jetzt mal ehrlich, bedurfte es wirklich noch dieses (dementierten) Verbots, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen? Das finde ich ja schon fast eine ziemliche Chuzpe den zahlreichen unterdrückten Menschen in der Türkei gegenüber.

Was hat diese schnell verbreitete Meldung also nun gebracht außer Empörung und Verwirrung?

Auslandsschulen werden übrigens von der  Zen­tral­stel­le für das Aus­lands­schul­we­sen (ZfA) des Bundesverwaltungsamts betreut. Es wäre doch interessant zu hören, was sie dazu sagen. Ich gehe doch mal davon aus, dass nach den Entwicklungen der letzten Monate diese im engen Kontakt stehen zur dortigen Schule mit deutschen Lehrern. Unabhängig von Weihnachtsbräuchen sollte doch dort schon mal jemand nachgefragt haben, ob die Lehrer überhaupt noch frei unterrichten können.

Vielleicht hätte man mit der schnellen Verbreitung der dpa Meldung einfach warten sollen, bis man das mal alles nachrecherchiert hat. Sicherlich wäre eine Stellungnahme des Abteilungsleiters der deutschen Lehrer an der Schule für eine Einschätzung der Situation wichtig. Mich würde beispielsweise interessieren, wie das Thema Weihachten in den letzten Jahren dort besprochen werden konnte und welche Unterschiede es nun in diesem Jahr gibt. Gibt es weitere Einschränkungen des Lehrplans, die von allgemeinen Interesse sind. Gab es eine Absprache, unter welchen Bedingungen man an der Schule trotzdem noch weitermachen werde, um den kulturellen Austausch zumindest aufrecht erhalten zu können?

Generell ist eine deutsche Schule in Istanbul, der zudem noch  das bildungspolitische Gütesiegel einer „exzellenten Deutschen Auslandsschule“ verliehen worden ist, in diesen aktuellen Eiszeiten doch absolut zu begrüßen. Eine Meldung wie die gestrige allerdings erscheint mir nur darauf ausgerichtet, dass sich alle empören. Der Informationsgehalt ist deprimierend gering, wenn es nicht in eine entsprechende Recherche eingebettet ist.

Und „Bullshit-Bingo“ und „News vs. Fake News Battle“ in Social Media ist eröffnet. Wir bleiben ratlos zurück.

 

Adieu Buchhandel – ein paar Jahre her

Heute Morgen sind mir beim Suchen einer Unterlage meine Worte zum Abschied aus dem Buchhandel (nach 19 Jahren) an die Kolleginnen und Kollegen in die Hände gefallen. Wow, schon drei Jahre her. Und nicht nur die Arbeit gewechselt, sondern auch das Bundesland, den Fluss, den Dom, das Bier.

Und mittlerweile schreibe ich gerade meine Bachelor-Arbeit. Wie die Zeit vergeht. Was einem solche „alten“ Worte aus einer irgendwie schon fremden und fernen Welt wieder verdeutlichen: Das war schon eine geile Zeit. Und Buchhandlungen sind ganz wunderbare Orte.  

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

am 15. November habe ich nun meinen letzten Arbeitstag bei der M. Daher möchte ich mich auf diesem Wege gerne von Euch/Ihnen allen mit mindestens zwei weinenden Augen verabschieden.

In den letzten 19 Jahren habe ich mit vielen von Ihnen zusammenarbeiten dürfen, wir haben gemeinsam einiges erlebt und viel erreicht. Wir haben leidenschaftlich Bücher inszeniert und verkauft, genauso leidenschaftlich neue Sortimente ins Herz geschlossen, Kunden beraten, auf Kinder aufgepasst, um Umsätze gekämpft, Budgets errechnet, Veranstaltungen zelebriert – die klassische Lesung genauso wie die atemberaubende Stunksitzung in Köln.

Mein persönliches Highlight in diesem Zusammenhang ist sicherlich die bis dato geheime Begebenheit, dass ich Alice Schwarzer bei meiner ersten Abendveranstaltung unwissentlich ein Phallus-Symbol auf die Bühne stellte (in Form eines Mikrofonständers) und das schnell herbeigeschaffte Ansteck-Funkmikrofon den ganzen Abend fürchterlich knisterte, pfiff und rückkoppelte. Dieses Ereignis war für Alice ein so schrecklicher Moment, dass sie alle weiteren Treffen bei Lesungen mit ihr (und das waren sehr viele), mit den Worten begann: „Ach, hier hatte ich doch neulich ein so unsägliches Erlebnis bei einer Lesung mit der Technik“ und ich jedesmal mutig erwiderte „Ja, das war ich und können wir nicht endlich Gras über die Sache wachsen lassen?“ Daraufhin hat sie meist gelacht und beteuert, dass es gar nicht so schlimm war, um die Geschichte dann aber später auf der Bühne vor meistens ausverkauftem Haus dann doch brühwarm zu erzählen. Einmal habe ich ihr sogar aus lauter Verzweiflung überteuerte „No Porno“-Aufkleber abgekauft, in der Hoffnung mich damit freizukaufen – aber vergeblich.

Mein ganzes bisheriges Arbeitsleben habe ich in diesem Buchhandelsunternehmen verbracht, aber gelangweilt habe ich mich nie – ganz im Gegenteil. In dieser Zeit habe ich immer wieder Neues kennen gelernt, jeder Trend war immer zuerst bei uns spürbar. Vor Google Zeiten bedeutete dies, dass Freunde und Familie bei vagen Trendneuheiten immer erst mich als Buchhändlerin fragten, ob ich von diesem oder jenem schon gehört habe und wüsste was das ist. Und meistens wusste ich… Wenn man so will, waren wir im Buchhandel die erste analoge Suchmaschine, nahezu systemrelevant, wie man heute zu sagen pflegt.      

Selbst in den letzten Jahren bei M Business habe ich noch einmal eine absolut neue Seite des Buchhandels kennen lernen dürfen. Portokosten, Botenkosten, Versandkosten, Infobrief, Infopost, Mailings, E-Modul, E-Only, Procurement, elektronische Rechnung, Ausschreibung, Angebot, Nachfrage, Konsolidierung, Verteiler, direkt, nicht direkt und besonders: schnell, schneller, am schnellsten.

Und meine kaufmännische Abteilung mag mir mein anfängliches Unverständnis gegenüber mehr als zwei Zahlen hinter dem Komma verzeihen. JA – mittlerweile weiß ich, auch diese Zahlen haben nicht nur ihre Berechtigung, sondern sind absolut bedeutend. Mein unbedarftes Aufrunden hat durchaus an der ein oder anderen Stelle für Verwirrung gesorgt. Dabei kann eine Abweichung von 0,001 so manches Kundensystem sprengen.

Ich erinnere mich noch genau, als ich 1996 meine Ausbildung in unserem Rheydter Geschäft in der Stresemannstraße beendete und dort als Jungbuchhändlerin weiterarbeitete, lehnte ich nach einem Schließdienst abends alleine an einem unserer Regale und träumte, wenn ich mal alt bin (und damit meinte ich damals sicher kurz vor der Rente), dann möchte ich genau diese Buchhandlung leiten. Nun, in den folgenden Jahren kam alles ganz anders. Aber vielleicht ist es dennoch ein Hauch von Schicksal, dass ich genau in dem Monat die M verlasse, in dem auch meine Ausbildungsfiliale den Standort wechselt und genau wie ich umzieht. (wenn auch nicht ganz so weit weg) Wir sind halt beide in die Jahre gekommen…       

Viele von Ihnen haben mir in den letzten Wochen sehr liebe Abschiedsgrüße übermittelt. In einem hieß es, dass sich der Aushang der Personalabteilung im Intranet so liest, als würde ich ansatzlos in den Deutschen Bundestag einziehen, was zwar schade für das Unternehmen ist, aber gut für unser Land! (Uuuuuhhhhhh Baracuda….). Das kann ich zwar nicht versprechen, denn  zunächst muss ich mich mal etwas intensiver mit meinem Studium beschäftigen, aber diese Zeilen haben mir nochmal eines bewusst gemacht: Die Zeit in der M hat mir unglaublichen Spaß gemacht, was unbedingt auch an dem so großartigen Humor meiner Kolleginnen und Kollegen gelegen hat.

Ich wünsche Ihnen bei allen Herausforderungen der kommenden Jahre mindestens genauso viel Spaß, um mit Leidenschaft und Neugierde die Zukunft zu gestalten.

Herzlichen Dank und alles Gute!

Wer sind denn „die Abgehängten“ eigentlich?

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Auch wenn die bulgarische Hellseherin Baba Wanga vorausgesagt hat, dass Barack Obama der letzte Präsident der USA sein würde und es keinen 45. Präsidenten der USA mehr geben werde, wird Donald Trump wohl im Januar des nächsten Jahres ins Oval Office einziehen. Ob wir wollen oder nicht.

Relativ schnell scheinen sich auch die meisten (zumindest außerhalb der USA) mit diesem Gedanken arrangiert zu haben. Wird alles doch nicht so schlimm, ein bisschen mehr konservativ ist ja auch nicht schlecht, vielleicht werden die Mauern gar nicht so hoch und die Welt nicht allzu einfältig und sogar die Börsen haben nur kurz gezuckt. Rassismus, Misogynie, Abschottung des Landes und der Märkte? Alles vergessen?

Und auch die Ursachen dafür, warum solch ein grobschlächtiger Rattenfänger die Wahl gewinnen konnte, scheinen schnell gefunden. „Die Abgehängten“ haben die Schnauze voll von der Welt der Eliten, eine Welt, die ihnen fremd ist, die sie selbst nicht betreten können. Und selbst wenn sie sie betreten würden im schönsten Sonntagszwirn, dennoch sogleich als nicht dazugehörig identifiziert werden würden.

„Jahrelang haben die liberalen Eliten die da unten und ihre Sorgen heimlich verachtet. Jetzt wählen die Abgehängten die Rassisten, und der Schreck ist groß.“ Das schreibt beispielsweise Elisabeth Räther auf Zeit Online, aber auch ganz viele andere Texte gehen in die gleiche Richtung. Die elitesten Eliten schleudern plötzlich Phrasen in die Welt, dass man sich nur noch wundern kann.

Was mich an diesen ganzen Texten und Erklärungen allerdings sehr irritiert, ist die Tatsache, dass sie alle verfasst werden, ohne auch nur mit einem sogenannten „Abgehängten“ zu reden, geschweige denn zu definieren, wer denn diese abgehängten Menschen nun sind. Man strickt sich in Politik und Medien die Wirklichkeit dieser Menschen, die einem anscheinend so fremd ist, lieber aus der Ferne irgendwie zurecht, um dann aber zu proklamieren, dass man auf diese vielen und dennoch „Unbekannten“ zugehen müsse. Und dass es arrogant sei von den sogenannten Weltbürgern, dies nicht zu tun.

Ich habe übrigens selbst in einem Blogbeitrag am Tag der US-Wahl von „denen da oben“ und „denen da unten“ – die Abgehängten – geschrieben, allerdings diese nicht wie Aliens dargestellt, denn mein Blickwinkel auf deren Welt ist durchaus nicht der von oben. Ich komme selbst aus einer Arbeiterfamilie, was den Blick auf diese Probleme schärft und ich kenne durchaus die Armen, Arbeitslosen, Ungelernten und Unzufriedenen. Nicht nur vom Hörensagen. Mein Vater hatte, wenn er freitagnachmittags nach Hause kam, einen Lohnbeutel in der Latzhosentasche seines Blaumanns stecken. Damit fuhr er dann, nachdem er geduscht hatte und die ganze Wohnung nach Kernseite roch, gemeinsam mit meiner Mutter Lebensmittel einkaufen. Was nach Abzug des Haushaltsgeldes für die kommende Woche noch übrig war, das wurde für Rechnungen und Miete beiseite gelegt. Meistens reichte es dennoch nicht. Nebenkosten mussten oftmals abgestottert werden und neue Anschaffungen waren eine ziemliche Herausforderung. Aus heutiger Perspektive hätte unsere Familie vermutlich auch zu diesen unbekannten Abgehängten gehört. Rassisten haben meine Eltern dennoch niemals gewählt und würden es auch heute niemals tun. Sie sind, wie aus dem politischen Lehrbuch,  eingefleischte SPD-Wähler, bilden also genau das Klientel ab, für das die SPD mal gestanden hat. Als Kind dachte ich übrigens witzigerweise das sei Gesetz und gab klassengerecht dieser „Arbeiterpartei“ ganz selbstverständlich bei den ersten Wahlen meine Stimme, was sich allerdings recht schnell gewandelt hat. Der sozialen Herkunft, die nach Pierre Bourdieu für die Prägung des Habitus so extrem entscheidend ist, habe ich sozusagen durch diese Verweigerung ein Schnippchen geschlagen.

Und glücklicherweise konnte ich erst Abitur und dann Karriere machen, was sicherlich meiner enormen Naivität geschuldet war. Denn ich bin in diese unterschiedlichen und höheren sozialen Klassen einfach hineinmarschiert, weil es mir gar nicht in den Sinn gekommen wäre, dass dies nicht gewünscht wird. Das war wohl auch mein Glück. Vielleicht mag man mich als Arbeiterkind identifiziert haben, meine Sprache als unpassend erkannt haben und mein Verhalten als merkwürdig oder anmaßend empfunden haben. Mir ist das allerdings alles nie aufgefallen, weil ich so damit beschäftigt war, das zu tun, was ich für richtig hielt. Allerdings entsteht dann irgendwann ein ganz anderes entscheidendes Problem: ein Identitätsproblem.

Deiner eigenen Klasse, gemäß deiner Herkunft, ist diese andere Welt fremd. Und sie möchten am liebsten auch, dass diese ihnen weiterhin fremd bleibt. Und das bedeutet, egal wie sehr du dich abrackerst, du wirst keine Anerkennung erfahren. Meine Eltern beispielsweise scheuen die Auseinandersetzung mit den ihnen unbekannten Lebenswelten komplett. Selbst zu einem Zeitpunkt, als ich beruflich die Verantwortung für mehr als fünfzig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatte, war ich in ihren Augen noch die Tochter, die Bücher in die Regale sortiert und mit Schleifchen als Geschenk verpackt. Andere Eltern würden vermutlich überall damit prahlen, dass ihr Kind es zu etwas gebracht hat und sogar einen schicken Firmenwagen hat. Aber Eltern aus der Arbeiterklasse, die selbst in ihren Sozialkontakten Menschen aus sogenannten höheren Klassen stets gemieden haben, weil das absolut unsicheres Terrain bedeutet hätte, können mit dieser Ambivalenz nicht umgehen. Und so wird die Wirklichkeit einfach zurechtgebogen. Und selbst biegt man selbstverständlich mit.

Es geht also gar nicht nur darum, dass die Eliten die Menschen aus diesen unteren Klassen in ihre Lebenswelten endlich hineinlassen. Es geht auch nicht um Arroganz. Es geht darum, dass diese Menschen von da „unten“ in die Lebenswelten dort „oben“ größtenteils gar nicht hineinwollen. Weil dies Unsicherheit bedeutet und mit Unsicherheit kann und möchte man nicht umgehen. Weil man es auch nicht gelernt hat. Und weil man das Wenige, das man hat, dann wenigstens auf bekannten Terrain verteidigen will. Auch wenn dies Stillstand und Rückschritt bedeutet. Deshalb halte ich persönlich auch direkte Demokratie nur eingeschränkt für wirklich demokratisch und fair, auch wenn ich für diese Meinung von denen da oben und denen da unten gleichermaßen angefeindet werde. 

Kürzlich erzählte mir ein Professor für Soziologie, dass er  aus einer Bergarbeiter-Familie kommt. Und obwohl er selbst mittlerweile zur sogenannten Elite gehört und  an Elite-Veranstaltungen teilnimmt, fühlt er sich aufgrund seines Habitus, der einer anderen Lebenswelt entspringt, immer noch wie ein Fremdkörper dort. Und auch er erkenne bei diesen Treffen sofort die anderen Professoren, die auch aus einer nicht akademischen Familie stammen. Das sind natürlich recht wenige. Das heißt, die Unsicherheiten und das fehlende Zugehörigkeitsgefühl lassen sich selbst mit extrem hohen Ehrgeiz und reichlich Bildung kaum abschütteln. Man kann sich leicht vorstellen, wie es denjenigen geht, die dagegen weniger Bildung und weniger Bezugspunkte zur Elite haben.

Das ganze Dilemma der „Abgehängten“ lässt sich übrigens an einem einzigen Beispiel verdeutlichen: Kürzlich sah ich eine Dokumentation über Annäherungsversuche zwischen der Bevölkerung und Flüchtlingen in einem Dorf. Dazu wurde ein Tag der offenen Tür veranstaltet. Ein junges Paar (beide arbeitslos) gingen mit ihren drei Kindern dort durch, und als die Frau die fünf neuen, aber sehr einfachen Öfen in der Gemeinschaftsküche sah, fing sie an wütend zu weinen. „Wir haben einen alten Ofen zu Hause und bekommen keinen neuen vom Amt bezahlt. Die Flüchtlinge bekommen das aber in den Allerwertesten geschoben“ beschrieb sie ihre Situation und Wut. Durch diese Begebenheit habe ich erst verstanden, wo tatsächlich das Problem liegt. Nicht darin, dass Menschen neidisch sind auf ein paar Öfen. Sondern dass sie gar nicht denken, dass sie sich jemals aus eigener Kraft einen schönen neuen Ofen werden leisten können. „Das Amt“ muss ihnen heute welche bezahlen, in zehn und in zwanzig Jahren, weil sie keine Perspektive sehen für ihr eigenes Leben. Sie sagte nicht, wir können uns keinen leisten, sondern wir bekommen keinen bezahlt. Sie sind Bittsteller vom ersten bis zum letzten Atemzug ihres Lebens. Die „Arroganz“ der Eliten wird diese Menschen nur wenig stören. Ihre Rivalen für Machtkämpfe um die klitzekleinsten Lebens-Ressourcen lauern an anderer Stelle.

Zusätzlich zu diesen „Abgehängten“ unserer Gesellschaft, die ehrlich gesagt auch niemals eingehängt waren, gibt es noch die tatsächlich Abgehängten (also die, die früher einmal eingehängt waren) und ein großer Teil der heutigen Mittelschicht, die wissen, dass sie jederzeit Abgehängte sein können. Die Digitalisierung und Globalisierung verängstigt sie zutiefst. Es mag eine volkswirtschaftliche Rechnung sein, dass nicht nur Jobs wegfallen, sondern auch neue Jobs entstehen werden. Aber ehrlich: Das bringt doch denjenigen nichts, die ihren Büro-Job verlieren, aber auf der anderen Seite Programmierer gesucht werden. Die meisten glauben nicht, dass wenn sie mit Mitte fünfzig ihren Job verlieren, sie jemals einen neuen finden, der ihnen ihren Lebensstandard erhält. Vermutlich werden sie gar keine Arbeit mehr finden. Was das bedeutet? Sie werden noch vor der Rente all ihren Besitz und all ihre Ersparnisse verloren haben. Über die Tatsache, dass ihnen bis dahin ein Roboter die Post vom Jobcenter nach Hause bringt, mögen sie sich nur bedingt freuen. Diese Gruppe der heutigen ängstlichen Mittelschicht halte ich persönlich übrigens für die gefährlichste, sowohl für die Demokratie als auch für Innovationen, die Gesellschaft und Wirtschaft dringend benötigen. Denn sie haben etwas zu verteidigen, was ihnen die aktuelle Entwicklung womöglich nehmen könnte. Angst aber lähmt Entwicklung und Fortschritt.

Was also momentan dringend erforderlich ist – statt die nun täglichen Weckruf-Bekenntnisse der Eliten aus der Ferne– ist erstens eine Sozialpolitik, die sich dem schnellen Wandel der Gesellschaft anpasst. Sprüche, dass wir die geringste Arbeitslosenquote haben und Deutschland in der EU wirtschaftlich am besten dasteht, nützen weder den Abgehängten noch denen, die Angst um ihre Zukunft haben.

Deshalb ist zweitens eine Reform des Bildungssystems von Nöten, die einerseits auf die Digitalisierung ausgerichtet ist und zweitens mit aller Kraft dafür sorgt, dass die Kinder der wirklich Abgehängten eine Perspektive haben, diese Lebens-Determination zu durchbrechen.

Und drittens muss es uns möglich sein, im Laufe des Lebens neue Qualifikationen zu erwerben. Lebenslanges Lernen darf keine Leerformel bleiben. Es gibt zukünftig keine linearen Lebensentwürfe mehr. Wir müssen ja nicht nur mit der Transformation ins Digitale umgehen, sondern was von viel größerer Bedeutung ist, uns fortwährend auf die immer schnelleren Veränderungen durch die Digitalisierung einstellen. Die Digitalisierung ist ja kein Endprodukt, sondern eine permanente Entwicklung. Und natürlich müssen auch die Menschen sich in dieser Welt permanent und mit einem Selbstverständnis weiterentwickeln. Genau das würde auch der ängstlichen Mittelschicht eine Perspektive bieten. Unser Bildungs- und Qualifikationssystem bietet aber genau diese Möglichkeiten nicht.

Die Warnsignale, dass es in unserem wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Systemen tiefere Dysfunktionen gibt, waren durch wiederaufkeimenden Rechtsextremismus und Phänomene wie der AfD schon vor der Trump-Wahl deutlich.

Man darf jetzt aber nicht versuchen mit einfachen und populistischen Lösungen komplexe Probleme aufzugreifen. Ohne wirklichen und optimistischen Wandel wird es nicht gehen. Dazu gehört auch, sich mit den Menschen auseinanderzusetzen, um die es geht. Das sind aber nicht unbedingt die energieraubenden Social-Media-Trolle.

Und dazu gehört übrigens auch nicht dieser Populismus in den Medien, denn genau das bedient diese energieraubenden Trolle und es entwickelt sich so ein gefährlicher Teufelskreis.

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The times have fucking changed

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Quelle: Leider nur Facebook bekannt

Nun sind wir also angekommen im Trump-faktischen Zeitalter. Und wieder kam das böse Erwachen am Morgen beim Kaffee. Allerdings hatte ich, im Gegensatz zu den Meinungsforschern, aus dem Brexit-Referendum gelernt. Damals beruhigte mich am Abend vorher noch die YouGov-Nachwahlbefragung, die eine knappe Mehrheit für den EU-Verbleib vorhersagte. Nur sechs Stunden später hatte sich diese Prognose allerdings in ein genau umgekehrtes Ergebnis verwandelt.  

Und auch bei den letzten Landtags- und Kommunalwahlen hier bei uns lagen die Meinungsforscher, bezogen auf die Stärke der AfD, relativ oft und weit daneben, sodass sich bei mir das Gefühl gefestigt hat, dass diese Filterblasen und Echokammern mittlerweile recht Meinungsforschungsresistent sind. Wir scheinen so weit auseinandergedriftet zu sein mit unseren jeweiligen Wirklichkeiten und Wahrheiten, dass sich die Meinungen der Anti-Demokraten nicht einmal mehr in Gänze mit den herkömmlichen Methoden erfassen lassen.

Gestern Abend hatte ich daher diesmal ein ungutes Gefühl und äußerte meine Befürchtung, dass ich davon ausgehe, dass Donald Trump tatsächlich gewinnen wird. Zuerst bescherte mir dieser letzte Gedanke vorm Schlafen eine recht alptraumartige Nacht, und wurde dann im Laufe des Morgens zur Gewissheit.

Populisten stehen Spalier und werfen Popcorn

Und selbst wenn Donald Trump als Präsident nun  einen moderateren Kurs als in diesem schmutzigsten Wahlkampf aller Zeiten einschlagen würde, es ändert rein gar nichts an der Tatsache, dass die Mehrheit der Amerikanerinnen und Amerikaner ihn für seine Ausländerfeindlichkeit, Abschottungspolitik, Minderheitendiskriminierung und Sexismus gewählt hat. Das ist doch das eigentliche Desaster. Hier eine Wähleranalyse.

Die Menschen wollen Rückschritt, statt Fortschritt und denken, dass es ihnen persönlich besser ginge, wenn sie Minderheiten zutiefst diskriminieren und Ausländer gleich aus dem Land schmeißen. Und Handel betreibt man am besten nur noch mit der eigenen Nation, und wenn schon mit anderen Nationen, dann natürlich nur kompromisslos und zu den eigenen Bedingungen, als wäre das in unserer globalisierten Wirtschafts-Welt auch nur ansatzweise möglich, geschweige denn fair. Aber genau dies ist die Sprache der Populisten. Und Rechtspopulisten aller europäischen Länder stehen gerade Spalier und werfen Popcorn. Das sollte uns zutiefst besorgen.    

Die Zeiten des Wegguckens und Schönredens sollten nun definitiv vorbei sein. Viele Nachrichten-Texte beginnen heute im Sinne von „Seinen überraschenden Wahlsieg haben die wenigsten erwartet“. Realy? Come on!

Wenn wir uns nicht ab sofort unserer eigenen Wirklichkeit stellen, dann passiert das gleiche auch bei uns. Dann werden wir spätestens bei der Bundestagswahl 2017 unser blaues Wunder erleben, im wahrsten Wortsinn. Wenn wir das Ganze weiterhin nur mit Dummheit abtun, dann lässt sich unsere freie Gesellschaft nämlich auch nicht mehr retten.

Es ist jetzt ein krasser Wandel nötig. In Politik, Medien und besonders auch in unserer Zivilgesellschaft. Es geht nicht mehr, dass wir alle die Augen verschließen vor der großen sozialen Ungleichheit im Land. Viele Menschen, die diese rechtspopulistischen Parteien wählen besitzen nur eine geringe Bildung und sind sozial schwach – gesellschaftlich abgehängt könnte man auch sagen. Was haben diese Menschen denn noch zu verlieren? Nicht viel. Gewinnen können sie aber ein ganze Menge, vielleicht keinen Reichtum, aber zumindest die Genugtuung es „denen da oben“ mal so richtig gezeigt zu haben. In einem ziemlich perspektivlosen Leben sicherlich ein zynischer, aber kein schlechter Deal.

Arme bleiben arm

Laut aktuellem WSI-Verteilungsbericht der Hans-Böckler-Stiftung ist die soziale Mobilität in unserer Gesellschaft gesunken, die Ungleichheit bei Einkommen ist auf dem höchsten Stand und Arme bleiben meist arm. Erschütternd.

Zwischen 1991 und 1995 schafften es  rund 58 Prozent der Armen (als arm gelten Personen, die weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens von 19.600 Euro zur Verfügung haben, sprich 11.700! Euro und darunter) in eine höhere Einkommensgruppe aufzusteigen. Mittlerweile sind es nur noch 50 Prozent, die eine Aussicht auf etwas bessere Lebensverhältnisse haben. Für alle anderen bedeutet es, das Leben, das wir alle als besonders wertvoll empfinden, am Existenzlimit zu fristen. Und zwar bis zum bitteren Ende. Hatten wir nicht alle schon mal ein Jahr, indem wir aus verschiedenen Gründen nicht in Urlaub fahren konnten? Puh, war das hart oder? Es gibt Menschen, für die ist der Begriff Urlaub so fern wie der Mond. Und für ihre Kinder auch. Jedes 20. Kind in Deutschland ist von Armut betroffen, die traurigen Eckdaten zu Armut siehe oben. Für diese Kinder ist und bleibt der Mond weiterhin erreichbarer als der nächste Ostsee- oder Nordseestrand. Erwiesenermaßen haben diese Kinder kaum Chancen in unserem Bildungssystem, folglich auch kaum welche auf dem Arbeitsmarkt und wenn, dann lediglich als Geringverdiener. Und da wundern wir uns, dass diese Menschen nicht Seite an Seite mit uns für die Freiheit und die Zukunft kämpfen? Während wir an unserem Coffee-to-go nippen?

Diese Verfestigung der Armut ist eine Katastrophe für die Menschen, für die Demokratie und für unsere Gesellschaft. Also geht sie uns alle an.

Politik – Medien – Gesellschaft

Die Politik kann jetzt weiterhin versuchen fahrlässig auf Kosten unserer Zukunft Symbolpolitik zur Rente zu betreiben, um ein paar Wählerstimmen zu retten. Oder sie kann das tun, was nötig ist: Menschen, die in diesem Land leben, wieder eine echte Perspektive auf gesellschaftliche Teilhabe, Bildung und sozialen Aufstieg zu bieten. Und das geht nicht dadurch, dass man Sozialleistungen um fünf Euro erhöht oder sich zum Mindestlohn gratuliert. Diese politischen Errungenschaften, die oft in hammerharten Nachtsitzungen publikumswirksam erkämpft werden, kommen bei den Menschen so hammerhart leider nicht an. Welche Partei hat den Mut, auf den gesellschaftlichen und digitalen Wandel zu reagieren und ganz neue Transfersysteme und Bildungsangebote anzubieten? Ohne die wird es in Zukunft sicher nicht gehen, zumindest wenn uns eine Trump-faktische Welt erspart bleiben soll.    

Die Medien sollten weniger selbstreferentiell in ihrem eigenen Saft schmoren und sich wieder mit den Wirklichkeiten aller Menschen beschäftigen. Die soziale Ungleichheit ist so groß wie nie, warum bekommen diese Menschen kaum eine Stimme? Auf dem letzten Publishers‘ Summit hörte man selbstkritische Stimmen, die eingestanden, dass sich die Medien zu sehr von den Menschen entfernt haben. What? Wie kann das passieren, frage ich mich? Gerade Redakteure von Zeitungen und Zeitschriften müssten doch ganz nah dran sein an den Lebenswelten der Menschen. Und jetzt ist das Problem, dass ihnen nicht nur die Leserinnen und Leser flöten gegangen sind, sondern dass einfach ein Großteil der Gesellschaft gar nicht mehr angesprochen oder vertreten wird.

Und last but not least, wir als Gesellschaft müssen wieder mehr für unsere Werte einstehen. Es darf uns nicht egal sein, wenn Menschen abgehängt werden oder überhaupt nie eine Chance hatten dazu zu gehören. Wenn wir uns alle wieder mehr um diejenigen kümmern, die am Rande der Gesellschaft stehen, wenn wir nicht zulassen, dass die Kinder keine Perspektive haben, keine Stimme, und wenn wir überhaupt mal wieder wahrnehmen, dass es sie gibt, dann können wir das Zusammenleben wieder stärken. Und es reicht eben nicht zu twittern, zu faven oder zu retweeten, dass wir die Welt retten wollen. Das gibt uns vielleicht ein gutes Gefühl, tolle Bestätigung und ist auch ziemlich bequem, hilft aber niemanden. Am Ende nicht einmal uns selbst. The times have fucking changed.