Zum Abschied

Maria (links) mit ihrer Zwillingsschwester Alice 1944 auf dem Hof in
Swisstal Morenhoven

Am 18. Dezember 2021 ist meine Schwiegermutter Maria im Alter von 92 Jahren gestorben. Sie hat viel erlebt und auch überlebt in Ihrem Leben, am Ende sogar noch eine Pandemie durchgestanden. Sie war ein großartiger Mensch, eine wahnsinnig starke Frau und eine wunderbare Mutter. Wir haben sie sehr geliebt, wurden geliebt und freuen uns, dass sie so wertvolle Spuren in der Welt und in unserem Leben hinterlassen hat.

Meine Frau Annette hat hat die Trauerrede gehalten, die uns sehr tröstet und Maria in den Herzen aller lebendig hält. Und damit wir uns viel mehr damit beschäftigen, dass auch der Tod zum Leben gehört und dass wir diesen auch genauso in den Mittelpunkt stellen sollten, wie das Leben selbst, möchte ich in liebevoller Erinnerung diese Abschiedsworte hier teilen:

„Zuerst etwas pandemisches: Wie Sie der Anzeige entnehmen konnten, bzw. nicht entnehmen konnten, werden wir uns nach der Beisetzung nicht zum Kaffee treffen können. Wegen der derzeit doch recht angespannten Lage, haben wir uns dagegen entschieden. Denn das wünschen wir allen von Herzen: bleiben Sie gesund!

Mein Vater sagte einmal zu mir: Als ich Maria das erste Mal sah, dachte ich: so eine schöne Frau, die werde ich heiraten. Damit hatte er sich die Latte ziemlich hoch gelegt. Meine Mutter wollte nie heiraten. 

Was war diese Schönheit, neben der offensichtlichen. Meine Mutter war unglaublich fleißig, höflich, großzügig, und sie war ein lieber Mensch. Sie behandelte jede und jeden ohne Ansehen der Person respektvoll, denn „vor unserem Herrgott sind alle gleich“ pflegte sie zu sagen. Sie war ehrlich und treffsicher in ihrem Urteil, das sie prompt und ohne lange nachzudenken über Menschen fällte. Als vor Jahren der Begriff „emotionale Intelligenz“ aufkam, dachte ich: das ist meine Mutter. Meist sehr wohlwollend, aber wenn ihr jemand richtig quer kam, konnte sie auch sehr deutlich werden.

Es gab so gut wie nichts, für das sie sich nicht interessierte, aber besonders interessierte sie sich für Menschen. Sie redete gern mit Menschen, aber nicht über sie. Sie war da, wenn sie gebraucht wurde, oder das Gefühl hatte. Auch und ganz besonders für ihre Familie. Uns Töchter hat sie meist machen lassen. Es gab keine echten Verbote. Wenn sie etwas einzuwenden hatte, dann bekam ich sicher häufiger als meine Schwester zu hören: „wenn Du meinst Du müsstest das tun“. Anschließend bekam ich dann durchaus ihre Version von „hab ich Dir doch gleich gesagt“ in Form eines achselzuckenden „das sind die Schicksalsschläge“.

Davon gab es in ihrem Leben so einige, die wurden ver-arbeitet im buchstäblichen Sinn. 

Gearbeitet hat sie immer viel, schon als junges Mädchen mit ihren Schwestern in der elterlichen Gastwirtschaft in Morenhoven, als „Haustochter“ bei einer Familie in Buschdorf und in jedem der Forsthäuser, in dem sie mit meinem Vater und uns gelebt hat. Besonders im Schönwaldhaus organisierte sie neben der Familie und dem Haus und dem ganzen drum und dran, kleine und große Essen, kleine, große und legendäre Feste, egal ob Geburtstag, Messe oder Hofkonzert. Sie war immer die perfekte Gastgeberin, aber hat sich nie in den Mittelpunkt gestellt. Ihre Gäste haben sich immer sehr wohl gefühlt. 

Zur perfekten Gastgeberin gehörte auch das perfekte Äußere. Sie hat sich Zeit ihres Lebens für Mode interessiert, sie hatte Ahnung davon. Sie hatte Mode schneidern gelernt. Sie ging nicht mit der Mode, war aber immer informiert, was gerade „in“ war. Das hatte in ihren Augen allerdings selten etwas mit „chic“ zu tun. Chic konnte für sie auch praktisch sein, sie nannte es sportlich elegant. Und das war ihr Stil.

Sie konnte es überhaupt nicht leiden, wenn irgendwas nicht zu ihrer Zufriedenheit saß. Nicht nur bei sich selbst, auch bei anderen. Wenn sie bei Familie, Freunden, Bekannten, an Kleidung, oder sogar Haaren herumzubbelte, war das kein pedantischer Ordnungssinn, sondern eher ein Ausdruck großer Sympathie.

Nicht nur ich wurde auch noch, als sie nicht mehr viel gesprochen hat, kritisch beäugt und non verbal unmissverständlich dazu angehalten die Kleidung zu richten.

Ja, kritisiert wurde auch, vor allem mein Vater. Sie las jeden seiner Vorträge, jede Rede, jeden Artikel und natürlich auch sein Buch über Wildschweine. Wenn sie, was häufig der Fall war, mit zu Vorträgen reiste, und mein Vater von der wohlwollenden Jagd-Zuhörerschaft mit Lob für seine Expertise und Witze überschüttet wurde, musste er durchaus auch mal mit einem „heute warst Du nicht so gut“ leben. Er wusste, sie hatte Recht, sie kannten sich sehr gut und lange. Sie hat ihn sehr vermisst.

Sie hat so Einiges vermisst, und hat erzählt, wie es war und dann gefragt, warum es nicht mehr so ist. Sie war meist zufrieden mit unseren Antworten, grübelte ein wenig darüber nach und meinte dann: da hast Du Recht. Irgendwann konnte sie nicht mehr so viel vermissen, da sie sich nicht mehr daran erinnerte.

Ich habe mich in der letzten Zeit oft gefragt, was geht in ihrem Kopf vor. Was dort nicht mehr vorging, davon hatten wir alle ein mehr oder minder klares Bild. Ich habe das dann aber irgendwann gelassen, denn im Grunde hatte sie sich nicht verändert. 

Sie war ein lieber Mensch.“

Maria Happ *20.02.1929 ✝️18.12.2021

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