Hat die Pandemie die Solidarität gekillt?

Die Frage ist leicht zu beantworten: sicherlich nicht. Aber die Pandemie verdeutlicht sehr klar, wie es um unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt bestellt ist und was es wirklich bedeutet, in einer modernen und flexiblen Welt zu leben.

Gesellschaftlicher Wandel oder Verhaltensänderungen sind in der Regel ein langer und zäher Prozess. Wir sehen das zum Beispiel auch beim Thema Gendergerechtigkeit, wie lange es dauert in der Gesellschaft, und damit in jedem einzelnen Individuum, festgeschriebene Verhaltensmuster zu verändern. Und wir sehen in der aktuellen Pandemie, dass viele Menschen in der Krise sogar eher verstärkt wieder in alte, gelernte Rollenmuster zurückfallen und so gesellschaftliche Strukturen manifestieren. Wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass die in den letzten Monaten aus der Not heraus angekurbelte digitale Transformation zu wirklichen strukturellen Veränderungen führt, bleibt abzuwarten. Schaut man sich genauer an, wie Wandlungsprozesse ablaufen, dann sollte die Euphorie zumindest nicht allzu hoch sein. Auch lassen sich hier Antworten finden, warum es nicht besonders gut funktioniert, dass die gesamte Gesellschaft kollektiv ihr Verhalten ändert und mit Anstand und Abstand regelkonform die Pandemie bekämpft.

Wie fahrlässig ist es dann übrigens, wenn die Politik aber genau diese Verhaltensänderung als Grundvoraussetzung und lange Zeit als einzige Strategie von der gesamten Gesellschaft einfordert und das Narrativ tagtäglich verbreitet, dass bei jedem Anstieg der Infektionen und Todesfällen jeder Einzelne von uns quasi Schuld hat und sich nicht genug angestrengt hat, um dies zu verhindern.

Vor einigen Jahren habe ich mich aus sehr großem Interesse mit der Arbeit des Soziologen Heiner Keupp beschäftigt, sein zentrales Forschungsinteresse gilt dem Einfluss gesellschaftlicher Wandlungsprozesse auf das Individuum. In seinem Vortrag „Vom Ringen um Identität in der spätmodernen Gesellschaft“ fasst er ganz gut zusammen, was unsere moderne Welt prägt (2010). 

  • Wir erleben eine Beschleunigung und Verdichtung in unseren Alltagswelten, die zu dem Grundgefühl beitragen, nichts auszulassen, immer auf dem Sprung zu sein und besonders keine Zeit zu vergeuden. Ein Lockdown wie nun in der Pandemie trifft den Menschen also im Grundgefühl seiner gelernten Alltagswelt und macht ihn in seinen eigenen Augen zu einem ziemlich schlechten Mitglied der Gesellschaft.
  • Wir sind der Erwartung erlegen, ein „unternehmerisches Selbst“ (Bröcklig 2007) zu werden. Ich als Individuum bin für mich selbst verantwortlich, individuelles Risikomanagement steht immer mehr vor kollektiver Daseinsvorsorge. Ich bin also für mich selbst verantwortlich, auch für mein Scheitern. Dies hat das Individuum sehr hart gelernt in der modernen Welt und jetzt ist es plötzlich für Oma und Opa und auch noch für die Großeltern aller anderen verantwortlich. 
  • Gelernt hat das Individuum auch in der modernen Welt, allzeit fit, flexibel und mobil zu sein, um dazu zu gehören. Plötzlich muss es einsam zu Hause bleiben, um dazu zu gehören – ein Lernprozess der vielleicht nicht unbedingt im begrenzten Zeitraum der Pandemie von allen bewältigt werden kann. Der im übrigen auch organisatorisch, technisch und psychisch gar nicht von allen bewältigt werden kann.

Der Soziologe Richard Sennett beschreibt in seinem Buch „Der flexible Mensch“ (1998) unsere aktuelle Welt beispielsweise so. 

„Der flexible Kapitalismus baut Strukturen ab, die auf Langfristigkeit und Dauer angelegt sind. „Netzwerkartige Strukturen sind weniger schwerfällig“. An Bedeutung gewinnt die „Stärke schwacher Bindungen“, womit gemeint ist zum einen, „das flüchtige Formen von Gemeinsamkeit den Menschen nützlicher seien als langfristige Verbindungen, zum anderen, dass starke soziale Bindungen wie Loyalität ihre Bedeutung verloren hätten“ (S. 28). Die permanent geforderte Flexibilität entzieht „festen Charaktereigenschaften“ den Boden und erfordert von den Subjekten die Bereitschaft zum „Vermeiden langfristiger Bindungen“ und zur Hinnahme von Fragmentierung“ (S. 81).

Interessant ist der Aspekt, dass in dieser modernen (oder flüchtigen Welt, wie sie Zygmunt Bauman beschreibt) aufgrund dieser Brüchigkeit Eigenschaften wie Loyalität abnehmen, was wir jetzt mühsam einfordern und schockiert sind, wenn Menschen sich nicht loyal verhalten. Und das ist gerade fatal, denn auf Loyalität basiert in erster Linie die Pandemiebekämpfung gegen ein tödliches Virus.

Man könnte fast meinen, das Virus hat sich wie bei einem Hackerangriff die verwundbarste Stelle unseres Systems ausgesucht.

„Und wenn sich Stadtviertel, Städte oder Nationen zu defensiven Zufluchtsorten gegen eine feindliche Welt entwickeln, dann kann es auch dazu kommen, dass sie sich Symbole des Selbstwert- und Zugehörigkeitsgefühls nur noch mittels Praktiken der Ausgrenzung und Intoleranz zu verschaffen vermögen.“

Richard Sennett: Etwas ist faul in der Stadt. In: DIE ZEIT vom 26. Januar 1996

Kommt uns bekannt vor gerade, ein Phänomen, mit dem wir in der modernen Welt konfrontiert sind und das durch die Pandemie verstärkt wird, bzw. für alle sichtbar wird. Alle reiben sich die Augen, aber die Erkenntnis ist nicht neu. Jetzt sind wir einfach nur alle betroffen, was die tatsächliche Verfassung unserer Gesellschaft sichtbarer macht.

Auch Zygmunt Bauman (2003) beschreibt in seinen Analysen den Kapitalismus als Treiber, der die Prinzipien der Solidargemeinschaft demontiert und das ökonomische Interesse vor moralische Verantwortung stellt.

Unsere Gesellschaft hat sich in einem langen Prozess gewandelt. Solidarität und Zusammenhalt sind infolge wachsender ökonomischer und individueller Interessen in den Hintergrund getreten. Aber genau jetzt appelliert die Politik, die für diese Veränderung ja durchaus verantwortlich ist, genau an diese beiden Prinzipien, um die Pandemie zu bekämpfen und spielt uns in starken Narrativen die Verantwortung für Erfolg und Misserfolg zu. Dabei sollte sie eigentlich selbst verwundert sein, wie gut wir – trotz aller Gegenreden – alle zusammen funktionieren und welche Anstrengungen jeder Einzelne in unserer fluiden Welt plötzlich imstande ist zu leisten.

Corona hat nicht unsere Solidarität gekillt, Covid-19 spiegelt uns lediglich unsere moderne Gesellschaft und offenbart, dass wir dies schon längst selbst in langen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prozessen erledigt haben. Es liegt an uns zu überdenken, ob das ein lebenswertes Zukunftsmodell ist.

Bauman, Zygmunt (2003): Flüchtige Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Edition Suhrkamp, 2447).

Bröckling, U. (2007): Das unternehmerische Selbst; Soziologie einer Subjektivierungsform. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Keupp, Heiner (2010): Vom Ringen um Identität in der spätmodernen Gesellschaft. Lindauer Psychotherapiewochen 2010. Lindau, 18.04.2010. Online verfügbar unter https://www.lptw.de/archiv/vortrag/2010/keupp-vom-ringen-um-identitaet-in-der-spaetmodernen-gesellschaft-lindauer-psychotherapiewochen2010.pdf, zuletzt geprüft am 30.12.2020.

Sennett, R. (1998): Der flexible Mensch Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin: Berlin Ver- lag (engl.: „The corrosion of character“. New York: W.W. Norton 1998).

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