Was am Ende zählt…

Bildquelle: Pharmazeutische Zeitung

Wir befinden uns mitten in einer Pandemie und so langsam sollten wir uns auch so verhalten – als Staat, als Wirtschaft, als Gesellschaft und als Individuum. Wir können nicht weiter durch die Zeit meandern und so tun, als ginge es um kurzfristige Maßnahmen, um ein Virus bekämpfen zu können, für das es noch keinen Impfstoff gibt.

Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen sind enorm und werden noch viel größer werden, wenn sich nicht jede*r Einzelne von uns endlich verantwortungsvoll damit auseinandersetzt und wenn die Politik nicht endlich eine langfristige Strategie entwickelt. Bis jetzt läuft alles nach dem Prinzip Hoffnung und das reicht einfach nur nicht, sondern ist dazu auch noch extrem fahrlässig. Man darf und muss auch von den Bürger*innen Verantwortung einfordern, allerdings muss die Politik einen Plan haben, wie es weitergeht. Den Sommer haben wir alle schon grandios verpennt.

Die Pandemie hat viele strukturelle Probleme, die wir eh schon haben noch einmal verschärft und sichtbarer gemacht, also auch für diejenigen, die sie vorher einfach nicht sehen wollten. Jetzt darf man aber nicht so weitermachen und sich den Mund-Nasen-Schutz auch noch über die Augen ziehen. Besonders krasse Defizite haben wir im Bildungs-, Gesundheits- und Pflegesystem, sodass Kinder und kranke und alte Menschen die allergrößten Leidtragenden dieser Pandemie sind. Und da wir dazu auch noch eine ausgeprägte Geschlechterungerechtigkeit in unserem Land haben, sind es vor allem Frauen, denen dieser ganze Haufen vor die Füße fällt und die alles ausbaden müssen. Frauen sitzen nicht nur vermehrt an der Supermarktkasse und sorgen dafür, dass auch noch der letzte Honk sein Klopapier bunkern kann, sondern sie kümmern sich auch noch um das ganze Desaster in der Pflege und im Krankenhaus und bringen ihre Kinder durch den Tag, die Schule und die Krise.

Langsam wird es Zeit endlich aktiv die Krise zu bewältigen, offensichtliche strukturelle Probleme zu beheben, klare Ansagen zu machen und eine Strategie in der Langstrecke zu entwickeln, statt nur mit ideenlosen Maßnahmen zu versuchen die Pandemie auszusitzen und weiterhin wie das Kaninchen auf die Schlange zu starren. Wir müssen als Gesellschaft und Politik entscheiden, wie wir die nächste Zeit bewältigen wollen (und nein, nicht nur bis Weihnachten), dazu gehört Ehrlichkeit, Transparenz und auch die dringliche Frage der Gleichberechtigung. Frauen bringen übrigens nicht nur Kinder zur Welt und ins Leben, kümmern sie anschließend mehrheitlich um Erziehungs- und Carearbeit, sondern sind am Ende auch noch diejenigen, die sich in der Mehrheit um die Sterbebegleitung kümmern, sowohl ehrenamtlich auf gesellschaftlicher Ebene als auch in den Familien. Ganzheitliche Prozesse zu bearbeiten von Anfang bis Ende ist also ein ziemliches Frauenthema, könnte man jetzt sarkastisch sagen. Und dennoch fühlen sich Männer als das starke Geschlecht und freiwillig werden sie ihre Privilegien niemals aufgeben, denn wer hat schon Bock auf soviel harte und obendrein schlecht oder gar nicht bezahlte Arbeit ohne Wertschätzung.

All das hat die Pandemie nun noch einmal wie ein Tsunami an die Oberfläche gespült. Mit vielen dieser Themen müssen wir uns als Gesellschaft dringend auseinandersetzen. Zusätzlich ist aber die Politik gefordert das Prinzip Hoffnung gegen handfeste To Do´s einzutauschen.

Ein Strategiepapier muss her bis mindestens 2022, wie wir die Pandemie durchlaufen. Folgende Punkte müssen darin vorrangig gelöst werden:

  1. Die Testkapazitäten reichen nicht aus, um die geforderten 48 Stunden Fristen in öffentlichen Einrichtungen einzuhalten. Für sterbende Menschen zum Beispiel wird das Krankenhaus so zur Transitzone, weil sie nicht in Hospizeinrichtungen verlegt werden können. Es muss im Grunde sofort technische Voraussetzungen verbessert und personelle Kapazitäten massiv erhöht werden.
  2. Wie findet bis 2022 der Hybridunterricht in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen statt, wie werden die Klassen, Schulzeiten und Ferien in dieser Zeit pandemiegerecht geplant?
  3. Wie werden Frauen nicht nur entlastet, sondern wie wird dafür gesorgt, dass die nächsten Jahre nicht zum Karrierekiller für sie werden, weil Männer gerade freie Zeit und Bahn haben? Eine Quotenregelung sollte noch in der Pandemie verpflichtend eingeführt werden.
  4. Wie werden wirtschaftliche Einschränkungen auf alle Branchen gerecht verteilt? Unter welchen Gesichtspunkten können in den nächsten Jahren Kultur, Freizeit, Industrie und Handel durch gemeinsame Anstrengungen zur Kontaktreduzierung beitragen und mit einem ganzheitlichen Konzept am Laufen gehalten werden?
  5. Welche kurz- mittel- und langfristige Planung gibt es, um Pflegepersonal massiv zu erhöhen und so die Belastungen für alle zu reduzieren und den Betrieb in der Pandemie zu gewähren? Das Kranken- und Pflegesystem entspricht aktuell nicht den gesellschaftlichen und humanen Anforderungen, es besteht dringender Handlungsbedarf – eher gestern als heute oder morgen.

Was am Ende zählt ist, wie wir als Gesellschaft gemeinsam durch diese Pandemie kommen wollen. Wie wir die Schwachen schützen, wirtschaftliche Einbußen gerecht verteilen, Kollateralschäden vermeiden und die Chance nutzen endlich und ehrlich die Geschlechterungerechtigkeit anzugehen. Mit Anstand und mit Abstand.

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