Demonstrieren in Zeiten von Corona

Portrait des getöteten George Floyd im Mauerpark in Berlin.
Portrait des getöteten George Floyd – ein Wandbild im Mauerpark in Berlin

Der schreckliche Tod von George Floyd am 25. Mai in Minneapolis löste weltweites Entsetzen und Massenproteste aus. Getötet wurde er von einem Polizisten, der 8 Minuten und 46 Sekunden lang auf dem Nacken des Afroamerikaners kniet, bis dieser erstickt. Auch seine vielfachen Hilferufe „I can’t breathe“ konnten ihm nicht das Leben retten, ein Satz, der ab sofort für brutale, rassistische Polizeigewalt gegen Schwarze steht.

Nach dem harten Vorgehen von Donald Trump gegen die Demonstranten vor dem Weißen Haus hat Washingtons Bürgermeisterin Muriel Bowser den Ort davor als Black Lives Matter Platz umbenannt und auf die Straße in riesigen gelben Lettern „Black Lives Matter“ malen lassen. Ein wuchtiges Zeichen gegen Rassismus und wichtige Unterstützung für die Demonstranten.

Black Lives Matter (Schwarze Leben zählen) steht für eine internationale Bewegung, die innerhalb der afroamerikanischen Gemeinschaft in den Vereinigten Staaten entstanden ist und sich gegen Gewalt gegen People of color einsetzt.

Der sinnlose Tod und das kaum aushaltbare Video über seinen Todeskampf, das die meisten von uns gesehen haben werden, wird auch unsere Lebenswirklichkeit verändern. Auch wenn die Gewalt gegen Schwarze in den USA weitaus größer ist, als bei uns, und auch die Polizei in den USA durch härteres Eingreifen bekannt ist, so lassen sich auch in Deutschland strukturelle, institutionelle und gesellschaftliche Rassismusprobleme nicht leugnen und wurden schon im Jahr 2017 von der UN scharf kritisiert. Auch bei uns werden People of color deutlich häufiger kriminalisiert, Racial Profiling ist auch in Deutschland Alltag und niemand mit weißer Hautfarbe mag sich auch nur ausdenken wollen, welche Probleme Menschen mit schwarzer Hautfarbe haben, eine Wohnung oder einen Job zu suchen oder einen Kredit aufnehmen zu wollen. Von Anfeindungen auf der Straße, im Bus, in der Schule, am Arbeitsplatz, beim Sport ganz zu schweigen.

Wir wissen alle, welche Ungerechtigkeiten es gibt und blenden diese gerne in unserem Alltag aus und ja, wir genießen unbewusst so auch die Vorteile – schließlich erhöht rassistisches Verhalten indirekt unsere eigene Chance auf die Wohnung oder den Job.

Die weltweiten Demonstrationen gegen Rassismus sind also extrem wichtig. Aber auch in Zeiten von Corona?

Die Proteste gegen Rassismus, die sich aus den USA ausgebreitet haben und am Wochenende auch bei uns Massendemonstrationen in zahlreichen Städten Deutschlands hervorgerufen haben, sind ein starkes und ein wichtiges Zeichen. Mehr als 30.000 Menschen haben am Samstag in Düsseldorf protestiert, auf dem Berliner Alexanderplatz demonstrierten um die 15.000 Menschen als „Silent Protest“. Die Bilder dieser Demonstrationen geben Anlass zur Hoffnung und zur Sorge zugleich. Hoffnung, dass die Proteste nachhaltig sind und den Kampf gegen Rassismus befeuern. Sorge aber auch, dass die Menschenansammlungen uns im Kampf gegen Corona zurückwerfen. Wer die Bilder gesehen hat, weiß, dass Hygiene- und Abstandsregeln kaum einzuhalten waren, was zu steigenden Infektionen in den nächsten Wochen führen kann. Außerdem können die Bilder von Menschenansammlungen dazu führen, dass generell die Akzeptanz für die Corona-Regeln schwindet. Allerdings sind wir immer noch mitten in einer Pandemie, deren Auswirkungen von hoher gesundheitlicher, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Brisanz sind – je länger sie anhält, desto höher werden die negativen Folgen für alle sein. Und wie wir gelernt haben, die Folgen sind für ärmere, ältere und kranke Menschen am größten, auch sie benötigen unser aller Solidarität.

Das öffentliche Leben in Deutschland ist weitestgehend noch lahmgelegt. Geburten, Hochzeiten und Beerdigungen in Corona-Zeiten lassen Freude und Trauer nur in sehr eingeschränkten Rahmen zu. Alte Menschen bleiben hauptsächlich zu Hause und sind alleine, solange noch kein Impfstoff gegen Covid-19 bereit steht, Besuche in Seniorenheimen finden unter den menschenunwürdigsten Bedingungen statt. Wenn man als Angehörige überlegt, ob diese Besuchs-Tortour für alte Menschen mit Demenz überhaupt noch zumutbar ist oder ob man zukünftig eher davon absieht, um die Emotionen bei geliebten Menschen unter solchen Bedingungen nicht noch zu schüren, dann zerreißt es einem das Herz und es geht an die Grundsubstanz menschlichen Denkens und Vorstellbaren.

Wie ist ein Zusammenstehen gegen Rassismus mit Abstandsregeln gegen Corona zu vereinbaren?

Die bedrückende Antwort ist: vermutlich gar nicht, wenn Zigtausende Menschen an einem Ort versammelt sind. Oder es muss auch hier eine bessere Organisation stattfinden, in Zeiten einer Pandemie. Meiner Meinung nach dürfen sich Ansammlungen wie die vom Wochenende unter diesen Bedingungen nicht wiederholen. Das Zusammenstehen für eine gute, richtige und wichtige Sache legitimiert sich nicht ausschließlich durch sich selbst, sondern muss sich auch an ihren Nebenwirkungen messen lassen. Und wenn diese eine Gefahr für andere Menschen bedeuten und große gesellschaftliche Risiken nach sich ziehen können, die sich nicht einmal valide prognostizieren lassen, dann muss überlegt werden, wie Proteste gegen Rassismus und die absolut notwendigen Abstandsregeln organisiert und eingehalten werden können.

Mit dem nötigen Respekt allen Menschen gegenüber sollte dies möglich sein und wäre ein großartiges Zeichen gegen Rassismus und Diskriminierung und gleichzeitig für bedingungslose Menschlichkeit. ❤

Besuche in Zeiten von Corona im Seniorenheim, die eine Gesellschaft auf Dauer an die Grenzen der Menschlichkeit bringen

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