Leben in den Zeiten der Corona

Gestern Abend im Bett als alles um mich herum still war, musste ich erst einmal eine Runde weinen. In der Krise spielen Einzelschicksale keine Rolle mehr, es zählt nur noch das gesellschaftliche Gemeinwohl. Anders wäre diese Pandemie wohl auch nicht zu bekämpfen.

Das bedeutet aber auch, dass alle Gefühle, Werte, Beziehungen und Herzensangelegenheiten, also alles was die Identität und das Lebensgefühl des Einzelnen bis jetzt ausgemacht hat, ganz plötzlich wegbricht. Der Boden rutscht einfach unter den Füßen weg und man winkt in der kompletten Schockstarre auch noch hinterher.

Dies ist eine riesengroße Tragödie und es ist schwer in dieser Zeit nicht nur die körperliche, sondern auch die mentale Gesundheit irgendwie aufrecht zu erhalten.

Wichtig in unserem Leben war uns bis jetzt unseren Eltern trotz aller Krankheiten und Dramen in gutes und angstfreies Leben im Alter zu ermöglichen. Dafür haben wir selbst auf vieles verzichtet, aber gleichzeitig an Erfahrung, Lebenssinn und Liebe so viel gewonnen.

Das alles zählt auf einmal nicht mehr. Weil der Einzelne in der Krise jetzt nicht mehr zählen darf. Die Schwiegermama haben wir seit zwei Jahren gepeppelt und Ihr trotz Alzheimer ein friedliches und schönes Leben ermöglichen wollen. Seit zwei Wochen und für eine noch längere Zeit ist sie jetzt auf sich alleine gestellt im Heim, ob sie uns noch erkennen wird, wenn wir uns endlich wiedersehen können, bleibt eine große Frage. In welchem Zustand wird sie dann sein, denn diese Veränderung des Alltags und der fehlende Zuspruch wird ihre Verfassung definitiv verschlechtern. Wir wissen es nicht.

Meine Mama hat Demenz und benötigt viel Hilfe, sie lebt mit meinem Vater noch zu Hause. Obwohl meine Mutter eigentlich nicht mehr alleine leben kann und den Alltag nicht mehr wirklich selbständig wuppen kann, kämpfen wir seit Monaten darum, dass sie die Berechtigung für einen Seniorenheimplatz bekommt, der bürokratische Fragenkatalog sagt aber, dass noch keine Heimnotwendigkeit vorliegt. Jetzt müssen wir sie in der Krise mit drölfzigfachen Aufwand und mit mindestens zwei Metern Abstand durch den Tag und das Leben manövrieren. Das kostet gerade viel mentale Kraft. Dazu mein Vater, der schwer herzkrank ist und sowieso nur noch durch ein Wunder lebt.

Da bleiben die persönlichen Prioritäten und auch Sorgen gerade ziemlich auf der Strecke, sich jetzt fit zu halten, physisch und psychisch ist eine sehr große Herausforderung.

Wenn ich momentan Tweets lese, in denen Menschen, die relativ sorglos für sich alleine herumleben, lapidar schreiben „Bleibt doch einfach alle zu Hause auf dem Sofa und schaut Netflix“, dann macht mich das etwas traurig. Inhaltlich und gesellschaftlich gesehen ist das ja richtig, ein Virologe hat kürzlich gesagt, würden alle Menschen auf der Welt für zwei Wochen zu Hause bleiben, dann wäre das Corona-Virus besiegt.

In der Praxis und auf das Individuum heruntergebrochen ist es allerdings ein riesengroßes Drama. Und man darf bei allen politischen Reflexen jetzt nicht vergessen, all diese vielen Millionen, teils dramatischen Einzelschicksale, machen unsere Gesellschaft aus. #WirbleibenzuHause, aber wir haben große Sorgen um uns und unsere Lieben. Und um das Leben danach.

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