Kapitulation

„Eine Kapitulation ist eine Unterwerfungserklärung, im allgemeinen Sprachgebrauch ein „endgültiges Sichbeugen vor überlegener Gewalt“.“ So ist es in Wikipedia zu lesen und ich habe ein wenig gezögert, dieses harte Kriegsvokabular zur Beschreibung meiner Situation zu nutzen. Und was heißt überhaupt Gewalt? Hat das nicht eher etwas mit Prügelei, Mord und Totschlag zu tun? Nicht unbedingt – daher habe ich mich entschieden, es so klar zu benennen, denn nur wer etwas sehr klar benennt, kann auch etwas verändern. Im Job ist mir dies jeden Tag bewusst und ich zögere da nicht eine Sekunde einen Sachverhalt klar zu benennen, zu analysieren und wenn es sein muss auch sehr schnell zu verändern, mit allen Konsequenzen.

Im Privatleben gestaltet sich dies allerdings etwas schwieriger. Als ich am 15. Januar 2017 in Berlin in den ICE Richtung alte Heimat stieg, war mir nicht klar, dass ich damit auch gleichzeitig meine seit fünf Jahren lieb gewonnene neue Heimat verlasse. Meinem Vater ging es sehr schlecht, er hatte Herzprobleme und Wasser in der Lunge. Meine Familie und die meisten meiner Geschwister waren nicht in der Lage hier positiv einzugreifen und zu unterstützen, so wie sie auch in den Jahren davor es nicht geschafft haben, bei meinen Eltern hin und wieder nach dem Rechten zu schauen, sodass ich eh schon mindestens monatlich aus Berlin anreiste, um selbst nach den mittlerweile älteren und immer schon sehr unselbstständigen Eltern zu sehen. Darüber habe ich in einem früheren Blogpost Hallo Mama – hier bin ich! schon einmal geschrieben. Es war für mich von Anfang an ein sehr hart erkauftes neues Leben, das dann leider noch härter wurde.

Meinen Vater brachte ich am nächsten Tag ins Krankenhaus, meine Mutter fiel im selben Moment in eine Art Schockdemenz. Von einem Tag auf den anderen hatte ich zwei Pflegefälle gewonnen und das mitten in meiner Bachelor-Arbeit, die ich gerade begonnen hatte zu schreiben. Für das Studium, das ich mit Anfang vierzig gestartet hatte und das mir so am Herzen lag, hatte ich eine ziemlich gute Karriere beendet – all das drohte an einem Tag zu zerbröseln. Um gleich mal zu spoilern, das Studium der Politikwissenschaft und Soziologie habe ich trotz dieser Katastrophe mit der Note 1,3 abgeschlossen und die Bachelor-Arbeit nachts am Küchentisch meiner Eltern zwischen Tulpen von Aldi und auf einer löchrigen karierten Tischdecke geschrieben. Über mein Studium und die Modul-Challenge habe ich mich hier „Hack the Bachelor… oder wie eine Elfe auf rohen Eiern“ schon einmal ausgelassen.

Mein Vater wurde nach langer Krankenhaus Odyssee im Aachener Klinikum am Herzen operiert, es gab Komplikationen, er erlitt ein Durchgangssyndrom nach der Narkose, bekam eine Lungenentzündung, lag lange im Koma, im Delier, wurde einige Monate künstlich ernährt und beatmet. (Kurzfassung). Die Pflegerin auf der Beatmungsstation begrüßte mich mit den Worten, dass sie gnadenlos unterbesetzt sind und man sich nicht um meinen Vater wird kümmern können. Das nahm ich dann selbst in die Hand, mein Leben war eh erst einmal reichlich hinüber, da kam es auf etwas mehr oder weniger Drama jetzt auch nicht mehr drauf an. Das ganze mit einer dementen Mutter an der Seite, das hatte schon etwas von Endzeit-Stimmung.

Nach einigen Monaten, ungefähr 15.000 gefahrenen Krankenhaus-Kilometern, gerichtlicher Betreuungsverfügung, zig Tausende Euro Verlust und 50 Seiten nächtlich geschriebener Bachelor-Arbeit konnte mein Vater das Krankenhaus und die Reha verlassen. Ich war ziemlich überfordert und ahnte schon länger, dass ich zukünftig in der Nähe meiner Eltern bleiben muss. Ich suchte eine Wohnung, schickte meiner Frau in Berlin Fotos und mietete eine wunderschöne Wohnung, ohne dass meine Frau diese je gesehen hatte. Im Juli reiste ich zum Packen in den Prenzlauer Berg, den Umzug hatte ich komplett digital arrangiert, da keiner von uns Zeit hatte, sich damit zu beschäftigen. Meine Frau konnte ihren Job glücklicherweise im rheinischen Home-Office fortsetzen. Meine eigenen Zukunfts-Träume blieben erst einmal in Berlin zurück.

Es dauerte etwas bis wir das Leben der Eltern einigermaßen ins ruhige Fahrwasser gebracht hatten, mit allen langwierigen, bürokratischen Anstrengungen, die es bedeutete an Hilfe zu kommen. Um das eigene Leben auch wieder in den Griff zu bekommen startete ich eine Schnell-Regeneration von Körper und Geist, mir ging es zwischenzeitlich so beschissen, dass ich auf Lupus untersucht wurde, mein Gesicht bestand nur noch aus roten Pocken und nach leichter körperlicher Anstrengung fühlte ich mich wie nach einem Marathon. Mit viel Unterstützung und gewohnter Selbstdisziplin (und guter Abdeckcreme aus der Apotheke) schaffte ich es ab September wieder in meinem alten Buchhandlungsunternehmen zu arbeiten.

Aber kaum hatten wir uns wieder berappelt, erkrankte mein Schwiegervater sehr schwer und verstarb im letzten Jahr nach großen Qualen, die ein Hirntumor so mit sich bringt. Gleichzeitig verschlimmerte sich der Zustand der an Alzheimer leidenden Schwiegermama dramatisch. Wieder hatten wir zwei Pflegefälle am Start und spielten weiterhin Second Level Support für meine Eltern. Wir mussten auf die Schnelle einen Pflegeplatz für die Schwiegermama finden und gleichzeitig die hoffnungslose Therapie des Schwiegervaters im Krankenhaus begleiten. Die letzte Krankensalbung und die Begleitung in den Tod eines geliebten Menschen waren das schlimmste was meine Frau und ich jemals aushalten mussten und dennoch ist einem bewusst, dass dies zum Leben dazu gehört und wenn man einen Menschen liebt, steht es ausser Frage dies gemeinsam durchzustehen. Eine Erfahrung, die den Blick auf das eigen Leben und die eigene Liebe schärft.

Es dauerte wieder lange bis sich der Ausnahmezustand gelegt hat, die Schwiegermama verschwand des öfteren nachts aus dem Heim, dennoch möchte man einen Menschen, den man liebt, nicht einsperren lassen, dessen einziges Unglück es ist, dass der Geist, das Denk- und Orientierungsvermögen nachlässt. Es muss andere Möglichkeiten in unserer Gesellschaft geben, als diese Menschen wie Kriminelle wegzusperren und wieder war es ein langer Prozess, der sich gelohnt hat. Mit viele Hilfsmitteln und einer guten Organisation kann die Schwiegermutter in einem ganz normalen Seniorenheim leben und ist glücklich. Und ist es nicht das, was allen Menschen bedingungslos zustehen sollte, Glück?

Dieses Jahr sollte nun ein besonderes Jahr werden. Endlich wollten wir wieder im Mittelpunkt stehen, Urlaub machen, planen, sich verabreden, wie so fröhliche Menschen halt. Silvester stiessen wir auf das wunderbare neue Jahr an und auf unsere großartigen Pläne. Am 7. Januar, wir waren gerade im ICE auf dem Rückweg von Berlin, rief mein Vater auf dem Handy an. „Schlechte Nachrichten, Mama ist gefallen und hat sich die Hüfte gebrochen. Sie wird morgen operiert.“ Um 23.00 Uhr sassen wir im Wohnzimmer meiner Eltern, neben einem Häufchen Vater voller Sorge – schwer herzkrank und seit nachmittags auf Krankenhaus Tour. Wir innerlich kotzend machten fröhliche Stimmung.

Nach einer anstrengenden, aber erfolgreichen Zeit konnte meine Mutter die Reha verlassen, trotz ihrer Demenz schaffte sie es schnell wieder auf die Beine, zumindest mit Rollator. Es galt zwar einiges an Pflegekram und Physio zu organisieren, meiner Mutter regelmäßig zu erklären, dass sie eine gebrochene Hüfte hatte, aber ansonsten standen die Zeichen auf Zukunft. Eine Woche nach der Entlassung aus der Reha, am 15. Februar, rief meine Mutter uns an: „Papa ist gefallen und kann nicht mehr alleine aufstehen.“ Im Nachhinein bin ich mir fast sicher, dass meine Mutter meinen Vater mit dem Rollator in der engen Wohnung angefahren hat, aber dass ist weder aus einer dementen Mutter, noch aus einem Vater, der schon eine Vertreibung aus Ostpreussen hinter sich gebracht hat, herauszubekommen. Es ändert aber auch nichts an der Tatsache, dass sich Mutter und Vater, die in ihrem Leben noch keinen einzigen Knochenbruch erlitten hatten, innerhalb von nicht einmal zwei Monaten, beide die Hüfte gebrochen haben. Wo ist Loriot, wenn man ihn braucht.

Leider verlief die Geschichte bei meinem Vater nicht sehr positiv. Fehldiagnose, nur eine Prellung hieß es, wochenlang im Krankenhaus und Reha. Und mein Vater wäre nicht mein Vater, wenn er nicht mit gebrochener Hüfte wieder laufen gelernt hätte, unter sehr starken Schmerzen vermutlich. Vor zwei Wochen bin ich mit ihm dann zumRöntgen gefahren, weil es einfach nicht besser wurde, das Röntgenbild war eindeutig. Die Hüfte war definitiv gebrochen.

Nun wurde er gerade operiert, wir haben diesmal alles selbst organisiert, damit aus einer gebrochenen Hüfte nicht wieder ein Aufenthalt auf der Weaning Station wird. Auch wenn es nun noch etwas dauert, bis er wieder auf den Beinen ist, so ist doch alles sehr gut verlaufen. Für us bedeutet das allerdings Organisation from hell.

Ich habe mittlerweile einen Job, der so anspruchsvoll ist, dass er ohne familiäre Dauerverwicklungen schon eine große Herausforderung und Anstrengung ist. Um hier erfolgreich zu sein, muss einiges umgekrempelt werden, schnell gearbeitet und einige Konzentration aufgewendeter werden. In Einklang mit meinem Leben lässt sich das aktuell nur schwer bringen. Eigene Projekte, die ich seit langer Zeit verwirklichen will, erst recht nicht. Freizeitbeschäftigung schon gar nicht. Die Lebensfreude nimmt ab, Körper und Geist lassen nach. Mit immer weniger Energie müssen immer größere Aufgaben gestemmt werden. Die Batterien laufen schneller leer, als man sie wieder auffüllen kann. Manchmal sitze ich abends noch minutenlang im Auto vorm Haus, weil ich es nicht schaffe auszusteigen. Gestern war ich nicht einmal fähig dem Navigationsgerät zu folgen und abzubiegen, ich fuhr noch einige Zeit gerade aus, bis ich überhaupt fähig war zu wenden. Nicht das erste Mal leider in der letzten Zeit.

Mir ist klar, dass dies kein normales ausgepowert sein mehr ist. Kein normales müde sein oder eine kurzzeitige Überbelastung. Schnelle Strategien müssen her, um die Belastung zu senken. Deshalb heißt der Blogpost „Kapitulation“. Nur mit klarer Sprache lassen sich ehrlich neu Wege gehen. Alles braucht seine Zeit.

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